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Margherita Sarfatti Die Jüdin, die Mussolinis Muse war

Margherita Sarfatti war eine der schillerndsten Frauenfiguren im italienischen Faschismus. Gleich zwei neue Ausstellungen erzählen ihr Leben – aus ganz unterschiedlichen Perspektiven.

Legende: Audio Ausstellungen: Margherita Sarfatti abspielen. Laufzeit 03:35 Minuten.
03:35 min, aus Kultur-Aktualität vom 25.09.2018.

Während Juden im Dritten Reich verfolgt wurden, konnte die Jüdin Margherita Sarfatti im italienischen Faschismus Karriere machen. 1912 hatte sie den jungen Benito Mussolini kennen gelernt. Damals war die 1880 in Mailand geborene Sarfatti Sozialistin.

Mit Mussolini vollzog sie den Wandel zum Faschismus und wurde eifrige Verfechterin des neuen Regimes. Erst 1938, als die Rassengesetze auch in Italien eingeführt wurden, geriet auch Sarfatti ins Abseits.

Kulturmanagerin der Faschisten

Sarfatti wurde die wichtigste Kulturmanagerin des faschistischen Regimes. Schon vor der faschistischen Machtergreifung 1922 empfing sie in ihrem Mailänder Salon die wichtigsten Künstler des Futurismus und anderer Avantgarden. Darunter waren berühmt gewordene Maler wie Giacomo Balla oder Gino Severino.

Schwarzweiss-Aufnahme einer Dame
Legende: Kunstförderin und Faschistin: Margherita Sarfatti auf einer undatierten Aufnahme. imago / Leemage

Sarfatti gründete die «Bewegung des 20. Jahrhunderts», welche die wichtigsten Künstler und Architekten Italiens ihrer Zeit zusammenfasste. Ihr Ziel: die Kunstszene des neuen Italiens weltbekannt zu machen.

Teekränzchen beim US-Präsidenten

Während ihr Geliebter das faschistische Experiment vorantrieb, propagierte Margherita Sarfatti die faschistische Kunstszene. Im Unterschied zum NS-Staat ging es ihr aber nicht um Regime- und Propagandakunst.

Deshalb wurde sie, obwohl sie Faschistin war, bei Auslandsreisen in Frankreich und den USA wie eine Botschafterin der italienischen Kunstszene empfangen. Sie war zum Tee bei den Roosevelts im Weissen Haus. Albert Einstein, Jude und Antifaschist, widmete ihre eine Violinkomposition.

Von Mussolini ausrangiert

Mussolini wandelte sich mit den Jahren zum Duce, dem es immer weniger gefielt, sich von einer Frau, sagen zu lassen, wie er sich in Sachen Kunst und Kultur zu verhalten habe. Er nahm sich eine neue Geliebte. Margherita Sarfatti zog sich enttäuscht zurück.

Noch vor der Einführung der Rassengesetze emigrierte sie. 1945 kam sie zurück nach Italien, wo sie nicht mehr im Rampenlicht stand. Bis zu ihrem Tod 1961 war sie nur «die Geliebte des Duce».

Zwei Ausstellungen, zwei Perspektiven

In Italien würdigen nun zwei Ausstellungen die enormen kulturpolitischen Initiativen Sarfattis. Im Museo del Novecento in Mailand wird ihr Wirken in der lombardischen Metropole präsentiert. Im Museum für moderne Kunst in Rovereto erzählt man ihr Leben nach.

Gemälde einer Frau mit dunklem Oberteil und orange-blonden Haaren
Legende: Unter den in Mailand ausgestellten Werken ist auch dieses von Emilio Gola gemalte Porträt Margherita Sarfattis zu sehen. Privatsammlung

Dass viele italienische Künstler nach 1945 international berühmt wurden, obwohl sie mit dem Faschismus gekungelt hatten, ist vor allem Margherita Sarfatti zu verdanken. Sie war es, die wie keine andere Persönlichkeit zwischen 1918 und 1936 Italiens Avantgarden im In- und Ausland gefördert hatte.

Wichtige Aspekte ausgeklammert

Keine der beiden Ausstellungen thematisiert die Faschistin Sarfatti. Immerhin lehnte sie den demokratischen und von ihrem Geliebten zerstörten Rechtsstaat ab und propagierte das Führerprinzip.

Ausstellungshinweis

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Die Ausstellungen zu Margherita Sarfatti finden noch bis zum 24. Februar 2019 im Museo del Novecento in Mailand und im Mart-Museum in Rovereto statt.

Dass sie Mussolinis Annäherung an Hitler entschieden ablehnte, als Frau immer unabhängig blieb und zu Recht als Feministin bezeichnet wird, ändert nichts daran, dass sie eine stramme Faschistin war.

Es wäre sinnvoll gewesen, auch diesen unbestritten wichtigen Aspekt der Biografie von Margherita Sarfatti zu thematisieren – vor allem ihre enorm einflussreiche politische Rolle im Regime. Das hätte der positiven Rolle, die sie als Kulturförderin zweifelsohne hatte, keinen Abbruch getan.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 25.9.2018, 17:10 Uhr