Martin Parr: unbarmherzig entlarvte Klischees

Ob Würste, Geldadel oder Tourismus – der Fotograf Martin Parr richtet seine Kamera auf die Banalitäten, Abgründe und Vulgaritäten des Alltags. Nun sind seine Arbeiten im Museum für Gestaltung Zürich zu sehen, darunter auch Fotografien aus der Schweiz. Parrs Blick ist dabei wenig schmeichelhaft.

Betrachtet man die Fotos von Martin Parr, amüsieren sie einen zunächst. Wie er seine Landsleute beim hingebungsvollen Sonnenbad ablichtet: Man kennt diese Szenen und grinst unwillkürlich. Doch schaut man länger auf seine Fotos, fällt auf, wie gnadenlos der Brite hinguckt. Wie er auf den entscheidenden Moment wartet. Wie gnadenlos er dann abdrückt. Ein «Klick» im richtigen Moment – und das Foto ist im Kasten.

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Martin Parr

Martin Parr

Geb. 1952 in Epson (UK), begann Parr in den 1970ern zu fotografieren. Mit dem Fotoband «The Last Resort» (1986), der die britische Working Class beim Strandurlaub zeigt, hatte er seinen Durchbruch. Parrs bevorzugte Themen sind Massentourismus und die Alltagskultur verschiedener Gesellschaftsschichten. Seit 1994 ist er Mitglied bei Magnum Photos.

Da ist nichts inszeniert. Nichts geschönt. Fast beiläufig, schnappschussartig wirken seine Bilder. Gleichzeitig irgendwie überzeichnet. Plakativ. Wie aus einem Comic – Martin Parr zelebriert die Klischees. Dies ist Teil seiner Arbeitsweise: «Klischees werden zu Klischees, weil sie wahr sind. Wenn ich irgendwo fotografiere, versuche ich immer diese Klischees im Kopf zu haben. Ich spüre sie auf und fotografiere, brauche sie als Ausgangspunkt», sagt der Brite über seine Arbeit.

Die plakative Schweiz im Visier

Klischees von der Schweiz sind es auch, die Martin Parr für seine Fotoserie «Think of Switzerland» aufgreift, die er für die Mitte Juli beginnende Ausstellung «Souvenirs» im Museum für Gestaltung Zürich und im Auftrag des Magazins «Du» gemacht hat. «Think of Switzerland» wirft einen Blick auf die plakative Schweiz. Wieder sind es Bilder, die man zu kennen glaubt: Ein Käsefondue. Goldbarren. Die Berge. Würste, in Folie eingeschweisst.

Warum fotografiert Parr ausgerechnet Würste, wenn er Fotos von der Schweiz macht? «Weil ihr Schweizer dauernd Würste esst. Ihr seid verrückt nach Würsten» antwortet Parr lakonisch. Das sei nicht als objektive Studie über die zeitgenössische Schweiz gedacht, sondern das Statement eines Künstlers. «Die Leute können sich von den Bildern nehmen, was sie wollen. Ich versuche einfach, die Fotos unterhaltsam zu machen. Und ein gutes Foto hat dann oft noch einen Clou.»

Martin Parr über seine Arbeit

0:22 min, aus Kulturplatz vom 26.6.2013

Nicht immer findet man den Clou auf Parrs Bildern auf Anhieb. Manchmal ist man sich nicht sicher, ob das, was da ironisch wirken soll, nicht blanker Zynismus ist. Besonders böse wirken die Fotos, wenn der Brite sich die Superreichen und ihre Tummelfelder vornimmt. Für «Think of Switzerland» besuchte er ein Poloturnier in St. Moritz und den Zürcher Opernball. Bereits wenn man in der Schweiz aus dem Flugzeug steige, rieche es nach Wohlstand. «Alles ist teuer, sogar eine Tasse Kaffee. Da liegt viel Geld rum», sagt Parr über seinen Aufenthalt in der Schweiz.

Freund oder Verächter seiner Mitmenschen?

Während meines Besuchs bei Parr frage ich mich: Mag ein Fotograf, der so genau hinschaut und derart unbarmherzig Klischees benutzt, um die Schwachstellen von Menschen und Gesellschaft offen zu legen, die Menschen eigentlich? Oder ob er sie eher verachtet? «Ich mag Menschen, sie faszinieren mich», antwortet Parr ein wenig ausweichend.

Wenn ich seine Fotos anschaue, bin ich mir da nicht so sicher. Dass er übermässigen Reichtum und die Selbstgefälligkeit der Reichen in seinen Bildern zeigt, scheint in Ordnung. Es ist schliesslich interessant anzusehen, welche Geschmacklosigkeiten sich Menschen mit viel zu viel Geld leisten. Zudem ist es tröstlich, dass sich hinter all dem Pomp oft nur arme Würstchen verbergen.

Heikle Gratwanderung

Schwieriger wird es, wenn sich Martin Parr (wie auf einem Bild aus einer früheren Schweiz-Fotoserie über Olten) die kleinen Leute vornimmt. Wenn er etwa den karg bestückten Einkaufskorb eines alten Mannes zeigt. Oder ein graues Auto vor einer grauen Garage, graue Hinweisschilder an einer grauen Kreuzung. Er habe versucht, das Graue und die Tristesse von Olten zu zeigen, indem er es überhöhte. «In der Fotografie kreiert man Fiktion mit der Realität. Ich habe versucht, den interessantesten und langweiligsten Platz, den man in Olten finden kann, zu zeigen.»

Vom Film bis zum Porzellanteller

In der Ausstellung in Zürich wird man, neben den Schweiz-Serien, viel mehr von Martin Parr sehen: Seine bitterbösen Bilder von seinen Landsleuten. Serien, die sich mit Reichtum befassen. Dokumentarfilme, die Parr zu den Themen drehte, die ihn beschäftigten. Zudem kann man Martin Parrs Souvenirsammlung bestaunen, auch sie ein Indiz für Parrs zynischen Blick auf die Welt. Denn der Fotograf sammelt nicht einfach hübsche Souvenirs. Seine Mitbringsel haben immer einen politischen Kontext, etwa wenn er einen Porzellanteller mit dem Konterfei Saddam Husseins oder ein Skateboard sammelt, auf dessen Unterseite «Osama Bin Laden is Dead» geschrieben steht.

Schaut man auf das Werk und die Sammelobjekte Martin Parrs, kommt man unwillkürlich zu der Ansicht, dass Parr die Menschen wohl doch nicht besonders gerne mag. Mit seinen Fotos gelingt es ihm dennoch oft, das Publikum zum Schmunzeln zu bringen. Er schafft es, den Betrachter seiner Bilder gleichzeitig einen Blick auf die Banalitäten, Abgründe und Vulgaritäten des Alltags werfen zu lassen – ich mag das.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Martin Parr, der unerbittliche Cliché-Jäger

    Aus Kulturplatz vom 26.6.2013

    Ein sicheres Gespür für den Moment der menschlichen Selbstentblössung hat der britische Fotograf Martin Parr. Die Bilder, die er in diesen Momenten schiesst, wirken provokant, obwohl sie nur festhalten, nicht inszenieren. Mit den schonungslosen Darstellungen seiner britischen Landsleute wurde Parr berühmt. Nun hat er in der Schweiz auf der Lauer gelegen, um zu dokumentieren, dass die Clichés über Land und Leute allesamt stimmen.

    Uta Kenter