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Neue Giacometti-Briefmarke «Eine Anerkennung, die Giacometti vermutlich akzeptiert hätte»

Alberto Giacometti würde am 10. Oktober 125 Jahre alt. Die Schweizerische Post ehrt den berühmten Bergeller mit einer besonderen Briefmarke. Darauf zu sehen: «L’homme qui marche I», eines dieser Giacometti-typischen schlanken Schwergewichte der Kunstgeschichte. Die Bronze-Skulptur wechselte 2010 für rund 104 Millionen US-Dollar den Besitzer – damals Rekord. Philippe Büttner, Direktor der Giacometti-Stiftung, über einen schmalen Wurf mit Breitenwirkung.

Philippe Büttner

Kunsthistoriker und Kurator

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Phillipe Büttner ist Kurator am Kunsthaus Zürich und Geschäftsführer und Konservator der Sammlung der Alberto Giacometti-Stiftung.

SRF: Eine zweite Schweizer Briefmarke für Alberto Giacometti – dieselbe Ehre wurde dem Künstler schon 1972 zuteil. Wie würde er wohl reagieren, wenn er die neue Marke zu Gesicht bekäme? Sie zeigt nicht mehr sein Haupt, sondern eines seiner Hauptwerke.

Philippe Büttner: Er hätte vermutlich geschmunzelt. Alberto Giacometti war ein leidenschaftlicher Briefschreiber. Besonders mit seinen Eltern korrespondierte er lang und leidenschaftlich.

Die Idee, dass ein Werk auf einer Briefmarke verewigt wird, hätte ihn nicht gestört. Das ist eine Form der Anerkennung seines Werks, die er vermutlich akzeptiert hätte – auch wenn er mit Blick auf seine Arbeit meistens sagte: «Ich bin noch nirgends.»

Ehrungen und Auszeichnungen offenbar nicht so sein Ding?

Giacometti war bescheiden. Trotzdem nahm er 1965, kurz vor seinem Tod, die Ehrendoktorwurde der Universität Bern an.

Giacometti hatte ein komplexes Verhältnis zur Schweiz, man könnte es ‹loyale Distanz› nennen.

Hingegen hatte er es stets abgelehnt, an der Biennale in Venedig sein Heimatland im Schweizer Pavillon zu vertreten. Und dies, obschon sein Bruder Bruno 1951/52 als Architekt des Schweizer Pavillons auf dem Biennale-Gelände zeichnete. Erst 1962 stimmte er einem grossen Auftritt an der Biennale zu, aber im zentralen Pavillon.

Eine weisse, aber schwarzumrandete Briefmarke, die eine dieser schmalen Giacometti-Figuren zeigt.
Legende: Eine Wegmarke der Kunstgeschichte wird zur Briefmarke: Alberto Giacomettis «L'homme qui marche I» ist jetzt auch für Menschen mit schmalem Geldbeutel erschwinglich – wenigstens im handlichen Kleinformat. Succession Alberto Giacometti / ProLitteris / Post CH Netz AG

Auch die Gründung der Giacometti-Stiftung 1965 in Zürich respektierte er und schenkte ihr sogar Werke. Das zeigt doch, dass die Schweiz für ihn Bedeutung hatte.

Wie stand Giacometti denn grundsätzlich zur Schweiz?

Es war ein komplexes Verhältnis, man könnte es «loyale Distanz» nennen. Giacometti kam regelmässig aus Paris in die Schweiz zurück, besonders ins Bergell, solange seine Mutter lebte. Oder er weilte in Zürich, wo ein Bruder als Architekt arbeitete.

Dieses Verhältnis von Gross und Klein, die Dimensionen im Raum – das ist ein zentrales Giacometti-Thema.

Während des Zweiten Weltkriegs blieb Giacometti in Genf, weil er kein Visum für die Rückkehr nach Paris erhielt. Trotz all dieser Bindungen sah er sich immer als Pariser Künstler, nicht als Schweizer. Die Schweizer Staatsbürgerschaft behielt er aber immer bei.

Auffällig an der neuen Marke ist die Form – und dass die im Original fast zwei Meter hohe Bronze-Skulptur zum Zwerg geschrumpft wurde.

«L'homme qui marche I» von 1960 ist die grösste männliche Skulpturen Giacomettis. Er schuf aber auch ganz kleine Figuren. Dieses Verhältnis von Gross und Klein, die Dimensionen im Raum – das ist ein zentrales Giacometti-Thema.

Giacometti – Eine Weltmarke der Kunst

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Alberto Giacometti (1901–1966) wuchs im Bergell in einer Künstlerfamilie auf. Sein Vater Giovanni war ein bekannter Maler. Früh zog es Alberto nach Paris, wo er ab den 1920er-Jahren lebte und arbeitete – und zu einer zentralen Figur der internationalen Kunstszene wurde.

Giacomettis Markenzeichen sind seine schmalen, langgestreckten Bronzefiguren. Werke wie «L’homme qui marche» oder «Der stehende Mann» gehören zu den Ikonen der Kunst des 20. Jahrhunderts.

Seine Skulpturen wirken zerbrechlich und zugleich monumental. Sie kreisen um Fragen von Einsamkeit, Präsenz und der Erfahrung des Menschen im Raum.

In den späten 1930er- und 1940er-Jahren zwangen die Kriegsjahre ihn zu kleinen Figuren – der Raum «verschlang» sie förmlich. Eine Krisenerfahrung für den Künstler.

Die Briefmarke spielt also auf buchstäblich greifbare Weise dieses existenzielle Giacometti-Thema?

Sie zeigt schön, wie ein grosses Werk auf winzigem Massstab funktioniert, wie der Mensch im Raum verloren gehen kann – und gleichzeitig präsent bleibt. Giacometti beschäftigte sich ständig damit, den Menschen im Raum zu behaupten, egal wie klein die Figur ist.

Es wird bestimmt Ihr Markenzeichen werden, Briefe künftig nur noch mit Giacometti-Briefmarken frankieren?

(lacht) Ich werde überhaupt wieder anfangen, Briefe zu schreiben.

Das Gespräch führte Stefan Gubser.

SRF 1, Tagesschau, 05.02.2026, 19:30 Uhr ; 

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