Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Queere Lebenswelten Was Bilder über die Welt der «ersten Homosexuellen» erzählen

«The First Homosexuals. Die Entstehung neuer Identitäten 1869–1939»: Das Kunstmuseum Basel widmet sich erstmals in einer eigenen Ausstellung dem Thema Homosexualität und Queerness. Zugleich öffnet die Schau ein reiches Archiv zur Kulturgeschichte der Sexualität.

Das Kunstmuseum Basel gibt mit seiner Ausstellung den Blick frei auf verschlüsseltes Verlangen, intime Begegnungen, neue Körper-Bilder und emanzipatorische Lebensentwürfe.

Dies ist nicht nur kunstgeschichtlich, sondern auch gesellschaftspolitisch relevant, sagt Len Schaller vom kuratierenden Team: «Wir haben in über 60 Ländern immer noch ein Verbot von Homosexualität. Und an vielen Orten sind die Rechte von queeren Menschen heute erneut unter Druck.»

Blick auf das andere Begehren

Die Ausstellung wurde zusammen mit der US-amerikanischen Stiftung Alphawood erarbeitet. Diese hatte zuvor eine erste Schau in Chicago realisiert. In Basel sind nun rund 80 Werke zu sehen, die ab Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sind.

Die Ausstellung zeigt, wie sich die Darstellungen von gleichgeschlechtlichem Begehren verändern, nachdem der Begriff «homosexuell» 1869 erstmals in der deutschen Sprache erwähnt worden ist.

Da ist zum Beispiel «La Blanchisseuse», ein Gemälde des Franzosen Pascal Dagnan-Bouveret von 1879. Zu sehen ist ein Männerpaar, das Arm in Arm spazieren geht. Titelgebend ist hier aber nicht das Paar, sondern eine Frau auf einer Parkbank, mit einem Korb und einem Kleiderbündel auf dem Schoss. Darstellungen von Wäscherinnen wurden damals oft als Codes für Prostituierte verwendet. Mit ihrem enttäuschten Blick zeigt die Frau, dass sie angesichts des flanierenden Männerpaars vergeblich auf Kundschaft hofft.

Zu sehen ist auch eine Szene des norwegisch-amerikanischen Malers Andreas Martin Andersen von 1894. Er porträtiert seinen Bruder, der im Bett liegend ein Kätzchen streichelt. Sein mutmasslicher Geliebter ist gerade dabei, sich wieder anzuziehen.

Gemälde von zwei blassen, nackten männlichen Figuren auf einem Bett.
Legende: Andreas Martin Andersen: «Innenraum mit Hendrik Andersen und John Briggs Potter in Florenz». (1894) Kunstmuseum Basel/Museo Hendrik C. Andersen

Verschlüsselte Motive

Homoerotische Darstellungen gab es auch schon früher in der Kunst, aber kaum so explizit, sagt Len Schaller: «Vor allem im Klassizismus wurden Motive aus der Mythologie verwendet. Sie dienten als Deckmantel, um homoerotische Themen zu verhandeln.»

Zwei Frauen auf einem Boot mit Enten und Schwänen auf einem See.
Legende: Das Gemälde «Sarah Bernhardt et Louise Abbéma au lac du Bois de Boulogne» zeigt die Künstlerin mit ihrer Partnerin. (1883) Louise Abbéma/Wikimedia Commons

Dass sich auch das Motiv der Freundschaft als Deckmantel eignet, zeigt die französische Impressionistin Louise Abbéma. Sie rückt sich 1883 mit ihrer Lebensgefährtin ins Bild, der berühmten Schauspielerin Sarah Bernhardt. Die beiden sind in einem Boot auf einem See im Pariser Bois de Boulogne zu sehen. Begleitet werden sie von einem schwarzen und weissen Schwanenpaar, einem Tier, das ewige Treue symbolisiert. Abbéma hält hier nicht nur ihren Lebensbund fest, sondern verweist auch auf Paare verschiedener Couleur.

Eine kulturgeschichtliche Schau

Die Ausstellung zeigt auf, wie sich Körperbilder nach 1900 verändert haben: Zarte Jünglinge verschwinden von der Bildfläche. Ihren Raum nehmen nun Männer mit durchtrainiertem Körper ein. So wird der Schweizer Ringkämpfer Maurice Deriaz 1907 vom französischen Maler Gustave Courtois kraftvoll in Szene gesetzt.

Ölgemälde eines muskulösen Mannes mit Schnurrbart.
Legende: Gustave Courtois: «Portait de Maurice Deriaz». (1907) Commune de Baulmes

Die Schau ist einem kritischen Ansatz verpflichtet. Sie wirft auch einen Blick auf Werke, die Homosexualität romantisieren oder sich kolonialistischer Stereotype bedienen.

In Chicago habe die Schau beim Publikum emotionale Reaktionen ausgelöst. Das Wiedererkennen der eigenen Lebensgeschichte habe bei manchen zu Tränen der Rührung geführt, sagt Len Schaller – einer Geschichte, die lange Zeit ausgeblendet wurde.

Ausstellungshinweis

Box aufklappen Box zuklappen

Die Ausstellung «The First Homosexuals. Die Entstehung neuer Identitäten 1869–1939» im Kunstmuseum Basel läuft noch bis Sonntag, 2. August 2026.

Radio SRF 1, Regionaljournal, 5.3.2026, 17:30 Uhr

Meistgelesene Artikel