Das Kunstmuseum Basel gibt mit seiner Ausstellung den Blick frei auf verschlüsseltes Verlangen, intime Begegnungen, neue Körper-Bilder und emanzipatorische Lebensentwürfe.
Dies ist nicht nur kunstgeschichtlich, sondern auch gesellschaftspolitisch relevant, sagt Len Schaller vom kuratierenden Team: «Wir haben in über 60 Ländern immer noch ein Verbot von Homosexualität. Und an vielen Orten sind die Rechte von queeren Menschen heute erneut unter Druck.»
Blick auf das andere Begehren
Die Ausstellung wurde zusammen mit der US-amerikanischen Stiftung Alphawood erarbeitet. Diese hatte zuvor eine erste Schau in Chicago realisiert. In Basel sind nun rund 80 Werke zu sehen, die ab Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sind.
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Bild 1 von 3. Alice Austen: «Trude & I Masked Short Skirts» (1891). Die Fotografin Alice Austen (rechts) und ihre Partnerin Gertrude Tate – emanzipieren sich mit Masken und gekürzten Röcken von Kleiderkonventionen der viktorianischen Zeit. Bildquelle: Collection of Historic Richmond Town/Alice Austen Collection.
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Bild 2 von 3. Die Basler Künstlerin Irène Zurkinden porträtiert zwei Frauen in einer selbstbewussten Pose. Der Titel «Freundinnen» hält verschiedene Möglichkeiten ihrer Beziehung offen. (1937). Bildquelle: Nachlass der Künstlerin/Kunstmuseum Basel/Max Ehrengruber.
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Bild 3 von 3. David Paynter: «L’après-midi» (1935). Das Bild zeigt eine intime Szene zwischen zwei Männern aus dem damaligen Ceylon, das als Sehnsuchtsort romantisiert wurde. Bildquelle: Nachlass des Künstlers/Brighton & Hove Museums.
Die Ausstellung zeigt, wie sich die Darstellungen von gleichgeschlechtlichem Begehren verändern, nachdem der Begriff «homosexuell» 1869 erstmals in der deutschen Sprache erwähnt worden ist.
Da ist zum Beispiel «La Blanchisseuse», ein Gemälde des Franzosen Pascal Dagnan-Bouveret von 1879. Zu sehen ist ein Männerpaar, das Arm in Arm spazieren geht. Titelgebend ist hier aber nicht das Paar, sondern eine Frau auf einer Parkbank, mit einem Korb und einem Kleiderbündel auf dem Schoss. Darstellungen von Wäscherinnen wurden damals oft als Codes für Prostituierte verwendet. Mit ihrem enttäuschten Blick zeigt die Frau, dass sie angesichts des flanierenden Männerpaars vergeblich auf Kundschaft hofft.
Zu sehen ist auch eine Szene des norwegisch-amerikanischen Malers Andreas Martin Andersen von 1894. Er porträtiert seinen Bruder, der im Bett liegend ein Kätzchen streichelt. Sein mutmasslicher Geliebter ist gerade dabei, sich wieder anzuziehen.
Verschlüsselte Motive
Homoerotische Darstellungen gab es auch schon früher in der Kunst, aber kaum so explizit, sagt Len Schaller: «Vor allem im Klassizismus wurden Motive aus der Mythologie verwendet. Sie dienten als Deckmantel, um homoerotische Themen zu verhandeln.»
Dass sich auch das Motiv der Freundschaft als Deckmantel eignet, zeigt die französische Impressionistin Louise Abbéma. Sie rückt sich 1883 mit ihrer Lebensgefährtin ins Bild, der berühmten Schauspielerin Sarah Bernhardt. Die beiden sind in einem Boot auf einem See im Pariser Bois de Boulogne zu sehen. Begleitet werden sie von einem schwarzen und weissen Schwanenpaar, einem Tier, das ewige Treue symbolisiert. Abbéma hält hier nicht nur ihren Lebensbund fest, sondern verweist auch auf Paare verschiedener Couleur.
Eine kulturgeschichtliche Schau
Die Ausstellung zeigt auf, wie sich Körperbilder nach 1900 verändert haben: Zarte Jünglinge verschwinden von der Bildfläche. Ihren Raum nehmen nun Männer mit durchtrainiertem Körper ein. So wird der Schweizer Ringkämpfer Maurice Deriaz 1907 vom französischen Maler Gustave Courtois kraftvoll in Szene gesetzt.
Die Schau ist einem kritischen Ansatz verpflichtet. Sie wirft auch einen Blick auf Werke, die Homosexualität romantisieren oder sich kolonialistischer Stereotype bedienen.
In Chicago habe die Schau beim Publikum emotionale Reaktionen ausgelöst. Das Wiedererkennen der eigenen Lebensgeschichte habe bei manchen zu Tränen der Rührung geführt, sagt Len Schaller – einer Geschichte, die lange Zeit ausgeblendet wurde.