Schamlos und direkt: Ingeborg Lüscher macht aus Alltag Kunst

1972 wurde Ingeborg Lüscher auf einen Schlag bekannt: An der Documenta in Kassel zeigte sie ihre Arbeit über den Aussenseiter Armand Schulthess. Outsider-Art – damit war Lüscher ihrer Zeit weit voraus. Nun zeigt das Kunstmuseum Solothurn, wohin der scharfe Blick der Künstlerin sonst noch fiel.

Ein gelber Raum, der auf der rechten Seite in der Flucht endet. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Erstmals in einem Schweizer Museum zu sehen: das «Bernsteinzimmer» (2003) aus Tausenden von Seifenstücken. Rudolf Steiner

Warmes, sattgelbes Licht erfüllt den kleinen Raum und ein zarter Seifenduft liegt in der Luft. Die Installation «Bernsteinzimmer» von Ingeborg Lüscher rekonstruiert den sagenumwobenen, im Zweiten Weltkrieg verschollenen Raum in Originalgrösse. Bloss hat die Künstlerin für den Nachbau keine Edelsteine, sondern alltägliches Material verwendet: 9000 Seifenstücke.

Zwei Reihen von Schaukästen, in denen Kieselsteine präsentiert werden: mal in Reihen, mal als Spirale. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine Sammlung von Flusskieseln, pseudowissenschaftlich in Schaukästen präsentiert: «Herzwerdung», 1975. Ingeborg Lüscher

Konzentration auf Kiesel und Flechten

Diese Arbeit ist typisch für das Schaffen von Ingeborg Lüscher, die dieses Jahr ihren 80. Geburtstag feiert. Denn sie geht von etwas Alltäglichem aus, dem ein Zauber innewohnt. Man muss bloss den Kopf und die Augen haben, diesen Zauber zu entdecken. Ingeborg Lüscher hat das immer wieder getan und tut es bis heute. Etwa in «Herzwerdung» aus dem Jahr 1975, einer Arbeit, die eine Sammlung von Flusskieseln pseudowissenschaftlich in Schaukästen präsentiert. Oder in ihrer Fotoserien über Flechten mit dem Titel «300 Millionen Jahre» (2014). Die Pflanzen in Nahaufnahmen wirken wie malerische Gebilde. Oder ist das schlicht Natur? Klar wird: Wer genau hinschaut, hat mehr vom Leben.

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Zur Person

Eine Frau mit wilden Locken, sie hält den Kopf etwas schräg.

Wikimedia/Ingeborg Lüscher

Ingeborg Lüscher, geboren 1936 in Freiberg bei Sachsen, ist Malerin, Fotografin, Konzept-, Video- und Installationskünstlerin. Seit 1967 lebt sie in Tegna im Tessin.

Das Eigenartige im Alltäglichen

Ingeborg Lüscher ist eine Spezialistin, wenn es darum geht, genau hinzuschauen und etwas Eigenartiges im Alltäglichen zu entdecken. Das brachte ihrer Kunst auch schon den Vorwurf ein, etwas harmlos und egozentrisch stets um die eigene Wahrnehmung zu kreisen. In Solothurn ist zu sehen, dass das in einigen Fällen zutrifft, aber nicht oft.

Neben der berühmten Dokumentation über den Einsiedler Armand Schulthess sticht in der Solothurner Retrospektive über Ingeborg Lüschers Werk die Videoarbeit «Die andere Seite» heraus. Diese Arbeit ist ebenso schamlos wie voyeuristisch und direkt. Und berührend komplex. Die Witwe des Schweizer Kurators Harald Szeemann befragte für das Video von 2009 bis 2011 Frauen und Männer, Israelis und Palästinenser. Alle trauern sie: um Söhne und Töchter, Partner, Brüder und Schwestern, die im Konflikt starben.

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Ausstellung

Das Kunstmuseum Solothurn widemt dem Schaffen von Ingeborg Lüscher die dritte Einzelausstellung: «Das Licht – und die Dunkelheit knapp unter den Füssen» läuft bis zum 24. Juli 2016.

Sprache der Mimik

Lüscher konfrontiert ihre Interviewpartner mit Fragen: zur eigenen Identität, zum erlebten Verlust – und: ob sie vergeben können. Kein Ton ist zu hören, kaum eine Antwort eindeutig. Die Betrachter müssen in den Gesichtern lesen, die sich je nach Frage verändern: hart werden, weich, um Fassung ringen. Münder verziehen sich, Lippen werden gebissen, Tränen vergossen.

«Die andere Seite» liefert keine Analyse des komplizierten Konflikts. Aber die Arbeit lässt die Betrachter emotional Anteil nehmen, ohne süss und versöhnlich zu werden. Denn Erlösung wird nicht gegeben. Keiner der Befragten drückt Vergebung aus. Oder etwa doch? Hinschauen mit Ingeborg Lüscher.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 18.5.2016, 17:06 Uhr.