Politische Statements auf dem Laufsteg – nur ein Werbegag?

Glitz, Glamour und Parolen: Modeschauen werden immer mehr zu quasi-politischen Kundgebungen. Das beweist aktuell die Fall Fashion Week in New York. Mit Anti-Rassismus-Slogans oder Models in Rollstühlen markieren Designer ihr Engagement. Doch dahinter stecken kaum ernstgemeinte Glaubensbekenntnisse.

Auf dem Laufsteig zwei männliche Models, in ihrer Mitte ein Model mit Down-Syndrom. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Model mit Down-Syndrom: Madeline Stuart während ihres Auftritts an der New York Fashion Week. Keystone

Es gab einmal eine Zeit, da wurden an Modeschauen die Edelgarderoben der nächsten Saison präsentiert. Die Models fungierten dabei als wandelnde Kleiderbügel. Heute werden auf Laufstegen Botschaften spazieren geführt. Die Models sind Teil davon.

Die Spektakel, die jeden Frühling und Herbst unter Blitzlichtgewitter und Getwitter in den Modemetropolen Paris, Mailand, London und New York stattfinden, haben sich zu quasi-politischen Kundgebungen entwickelt.

Jedenfalls könnte diesen Eindruck gewinnen, wer mehr und mehr Designer in T-Shirts mit Anti-Rassismus-Slogans posieren sieht, neben Models mit Hautkrankheiten oder fehlenden Gliedmassen, mit denen dieselben Designer ihr Engagement für Minderheiten demonstrieren.

Eintrittskarten für das Volk

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SRF Fashion Week

Mit ausgewählten Spiel- und Dokumentarfilmen sowie Online-Artikeln wirft die «SRF Fashion Week» einen Blick hinter die Kulissen der Modemacher, Models und Modebloggerinnen.

Die Fall Fashion Week in New York lieferte für derlei Darbietungen in der vergangenen Woche wieder einige prächtige Beispiele: Models mit Down-Syndrom, gefeierte Transgender-Diven und, um das Mantra «Mode für alle» über die Laufstege hinauszutragen: Eintrittskarten fürs Volk. Givenchy verloste für seine Show Hunderte davon an Krethi und Plethi. Das kommt in den exklusiven Kreisen der Haute-Couture einer Revolution gleich.

New York spielt seit langem eine Vorreiterrolle, was rebellische Tendenzen betrifft. In der Neuen Welt ist Tradition ein relativer Begriff. So sind Modeschauen anders als im alten Europa mit ausschliesslich weissen Models diesseits des Atlantiks undenkbar. Es versteht sich von selbst, dass die Menschen auf den Laufstegen zumindest ein Bisschen auch ihre Umgebung widerspiegeln müssen. Und New York ist nun einmal keine homogene Stadt. Obgleich in der hiesigen Modeindustrie noch keineswegs Verhältnisse wie an der UNO herrschen, ist «Vielfalt» hier für Branchen-Insider kein blosses Lippenbekenntnis, sondern der Alltag.

Das oberste Ziel: mehr Ware verkaufen

Kalkuliert skandalöse Auftritte gehören zu Modeschauen wie die Helmfrisur zur allmächtigen «Vogue»-Chefredakteurin Anna Wintour. Man erinnere sich an Mary Quants Miniröcke und an Yves Saint Laurent, der in den 1960er-Jahren Frauen in Hosenanzüge steckte. Nur lässt sich im Jahr 2015 mit Kleidern allein niemand mehr schockieren. Deshalb wird das Drumherum immer wichtiger. Egal ob Models in Rollstühlen oder Nein-Zu-Gengemüse-Parolen, erlaubt ist alles, das für ein paar Stunden Furore in den Sozialen Medien sorgt. Man reklamiert politische Relevanz und kokettiert mit gesellschaftlichem Bewusstsein. Aber letztlich geht es darum, mehr Ware zu verkaufen.

Das Modeuniversum gleicht einer Schneekugel. Manchmal stürmt es darin, manchmal nicht. Aber die meisten Erdenmenschen kriegen von den Flocken wenig mit. Insofern war der Givenchy-Coup mit den Tickets für den Plebs die einzig wirklich umstürzlerische Aktion an der diesjährigen Fashion Week. Nachahmer haben sich bisher allerdings noch keine gemeldet.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 14.9.2015, 17:45 Uhr