Steiner/Lenzlinger: Aberwitziger Nationalpark im Kunstmuseum Chur

Aus dem spannungsreichen Verhältnis zwischen Mensch und Natur schöpfen Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger ihre Ideen: 2003 liessen sie an der Biennale in Venedig aus der Kuppel der Kirche San Stae Pflanzen regnen, nun haben die beiden das Kunstmuseum Chur in einen fantastischen Park verwandelt.

Wo immer das Schweizer Künstlerpaar Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger auftaucht, entstehen wunderliche Gärten. Das war so an der Expo.02 in der «Heimatmaschine» in Murten ebenso wie in der Stiftsbibliothek in St.Gallen, wo plötzlich überall Pflanzen – künstliche und getrocknete – wuchsen und sich Tierpräparate zwischen Büchern versteckten. In Chur ist es nun nicht anders – nur viel radikaler und wilder: Der Ausstellungsort, das Kunstmuseum Chur, wird nächstes Jahr abgerissen.

Steiner/Lenzlinger: Unzimperliches Vorgehen

«Wie bringen wir das Leben in dieses Haus?» Diese Frage haben sich Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger am Anfang im leeren Museum gestellt. Weil das Leben Licht, Luft und Wasser braucht und weil Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger absolut freie Hand hatten, sind sie unzimperlich vorgegangen: Sie haben das Dach geöffnet, so dass nun Licht und Regen ins Gebäude flutet, haben eine Wasserleitung quer durchs Gebäude gezogen und die Fenster entfernt, damit den Wind durch die Räume fegt. Dann haben die beiden gebaut.

Munter wachsende Meerschweinchenpopulation

Entstanden ist eine Landschaft, in der sich Berge aus Hirsch- und Rehgeweihen, Abbruchmaterial und Computern erheben. Dazwischen wuchern Kapuzinerkresse, Hopfen, Brombeeren und Malven. Aus dürren Ästen spriessen Kunststoffblätter und Plastikblumen. Ausgestopfte Vögel, Gummischlangen, Teddybären hocken im Geäst. In einem Teich schwimmen zwei echte Karpfen. In einem immensen Gehege wuseln quicklebendige Meerschweinchen, die sich schon munter vermehrt haben. Mächtige und schmächtige Zimmerpflanzen liefern sattes Grün.

Die Wanderung irritiert und beglückt

«Wir sind mit Meerschweinchen aufgewachsen. Das waren unsere ersten Tiere, die wir sehr nahe erlebt haben, und wir sind mit tropischen Zimmerpflanzen aufgewachsen», erzählt Jörg Lenzlinger. Er macht damit deutlich: Die Definition von Natur ist eine Frage des Standpunktes. Darum haben die beiden die Grenzen zwischen Mensch und Natur durchlässig gemacht, haben Natürliches und Künstliches wild gemischt und daraus einen überwältigenden, raumgreifenden Landschaftsparcours entworfen. Die Wanderung durch diesen Nationalpark fasziniert, irritiert und beglückt.

Doch bevor die Besucher diesen besonderen Nationalpark durchwandern, werden sie von Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger zuerst in die Requisitenkammer gelotst. Hier schnappt man sich eine Flinte, einen Sonnenhut, eine Lupe oder ein Bärenkostüm – je nach Einstellung zur Natur: Denn für die einen ist sie Jagdrevier, Wellnesszone oder ein naturwissenschaftliches Grosslabor.

«Ordnen, was noch nicht in Verwirrung ist»

So ausgerüstet gehen die Besucher vor dem Einstieg in den verwirrenden Park vorbei an Vitrinen, wie sie in Naturhistorischen Museen gang und gäbe sind. In diesen Vitrinen präsentiert das Künstlerpaar streng geordnete Sammel- und Fundstücke – ein geordnetes Sammelsurium aus Steinen, Insekten, gebastelten Käfer, Plastikresten aus dem Mittelmeer, getrockneten Pflanzen und Kotformationen. Mit feinem Witz nehmen Steiner und Lenzlinger den Wunsch, die Vielfalt der Natur zu kategorisieren und zu ordnen, aufs Korn. «Man muss ordnen, was noch nicht in Verwirrung ist» – mit diesem Leitsatz ausgerüstet ist man dann vollends bereit, den wunderbar verwirrenden Park zu erkunden.