Nein, Donald Trump ist in der aktuellen Ausstellung im Strauhof nicht vertreten. Dennoch muss man beim Besuch immer wieder an ihn denken, an die moderne Verkörperung eines Lügners, der «alternative Fakten» als Wahrheit ausgibt, Tatsachen als «Fake» abkanzelt und die Realität ganz nach Gutdünken in Märchen verkehrt.
Diese Ingredienzien gehören auch zur Erzählkunst des Barons Münchhausen. Und die ist überaus unterhaltsam – wenn er etwa behauptet, er habe sich samt seinem Pferd am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen. Oder er sei auf einer Kanonenkugel sitzend über eine belagerte Stadt geflogen. Oder er wäre über eine Bohnenranke bis zum Mond geklettert.
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Bild 1 von 3. Münchhausen zieht sich samt Pferd am eigenen Schopf aus dem Sumpf – eine absurde Parabel auf Selbstüberschätzung und prahlerische Heldenerzählungen. Bildquelle: Philipp Sporrer, 1874.
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Bild 2 von 3. Seine wohl berühmteste Lügengeschichte: Bei einer Belagerung will Münchhausen das Schlachtfeld aus der Luft beobachten. Er setzt sich auf eine abgefeuerte Kanonenkugel und fliegt über die Stadt. Bildquelle: Gustave Doré, 1862.
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Bild 3 von 3. Diese Lüge stinkt zum Himmel: Auf der Suche nach seinem verlorenen Beil klettert Münchhausen an einer riesigen Bohnenranke immer weiter hinauf, bis sie ihn schliesslich bis zum Mond trägt. Bildquelle: Alphonse Adolphe Bichard, 1879.
Für Münchhausen gehört das Erzählen von Blödsinn zum Lifestyle. Doch die Lügengebilde, dies zeigt die Ausstellung im Strauhof, verfügen über erstaunlich viel Tiefe. Zumindest bei genauerer Betrachtung.
Verschiedene Perspektiven
Die Ausstellung nähert sich dem Phänomen Münchhausen von verschiedenen Seiten. Da sind etwa in Schaukästen die ersten Münchhausen-Bücher ausgestellt: wertvolle Einzelstücke, verfasst von zwei Deutschen aus dem 18. Jahrhundert, dem Universalgelehrten Rudolf Erich Raspe und dem Dichter Gottfried August Bürger. Beide sind heute weitgehend vergessen.
Sie gaben dem literarischen Lügenbaron den Namen eines historischen Vorbilds, einem gewissen Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen. Er lebte von 1720 bis 1797, kam weit herum und galt als begnadeter Geschichtenerzähler.
Dem Freiherrn machte es zwar nicht wirklich Freude, dass er als Vorbild für den literarischen Schwindler und Hochstapler herhalten musste. Doch er vermochte die Verbreitung der Geschichten nicht zu stoppen. Zu beliebt waren sie beim Publikum.
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Bild 1 von 2. Münchhausen macht eben keine halben Sachen: Als er mit seinem Pferd reitet, wird das Tier plötzlich durch ein Fallgitter genau in der Mitte geteilt. Trotz der «Teilung» springt das Pferd weiter, und Münchhausen setzt seine waghalsigen Abenteuer unbeirrt fort. Bildquelle: Herb Roth, 1944.
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Bild 2 von 2. Ein «wahrer» Held: Münchhausen bezwingt in Afrika einen Löwen. Kurz darauf greift ein riesiges Krokodil an und verschlingt den Löwen, während Münchhausen spektakulär entkommt. Bildquelle: Gustave Doré, 1862.
Immer und immer wieder erschienen über die Jahrzehnte neue Münchhausengeschichten. Längst auch von anderen Autoren als Raspe und Bürger. Die Lügen des Barons mauserten sich auch zu Bestsellern der Kinderliteratur.
Im 20. Jahrhundert eroberte Münchhausen das Kino. In rund einem Dutzend Verfilmungen jagt Münchhausen achtbeinige Hasen, pflanzt Hirschen Kirschbäume auf den Kopf, springt hoch zu Ross durch fahrende Kutschen.
Die Ausstellung zeigt, dass die von Münchhausen verbreiteten Fakes keineswegs alle seine Erfindungen waren. Sondern dass sie kulturgeschichtliche Wurzeln hatten, die sich bis in die Antike zurückverfolgen lassen. Schon damals wurde in der Literatur gelogen.
Ambivalente Figur
Münchhausen ist unterhaltsam, bis heute. Doch in vielen Geschichten verbirgt sich auch eine ungeahnte Tiefe. Etwa dann, wenn der Lügenbaron von einem Sklavenschiff berichtet, auf dem die Sklaven Weisse und die Aufseher Schwarze waren. Durch diese farbliche Verkehrung streicht Münchhausen die Unmenschlichkeit der Sklaverei grell heraus, die bis ins 19. Jahrhundert verbreitet war.
Wenn Münchhausen vom Krieg erzählt, fällt auf, dass immer «die Guten» gewinnen. Aber halt! Der Erzähler ist ja ein ausgewiesener Lügner. Ergo: Die Realität muss eine andere sein.
Münchhausens Lügengeschichten sind voller Ambivalenzen. Da gibt es satirische Stachel, gelegentlich Aufklärerisches, bisweilen gar Utopisches, das weit über das blosse Unterhalten hinausgeht. Dies erfahrbar zu machen, ist eine der grössten Leistungen dieser gelungenen Ausstellung.