Viele von Gurlitts Werken stammen aus dem besetzten Frankreich

Die Gurlitt-Sammlung enthält vereinzelt absolute Spitzenwerke. Aber auch ein breites Mittelfeld: Dies lässt sich aus den vom Kunstmuseum Bern veröffentlichten Listen ablesen. Aus ihnen geht auch hervor: Schwerpunkt liegt auf französischer Malerei. Und deren Herkunft ist besonders brisant.

Collage mit Bildern von der Liste des Kunstmusuems Bern. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Jetzt öffentlich: Das Kunstmuseum Bern hat zwei Listen mit 1600 Werken online gestellt (Bildmontage). Liste des Kunstmuseum Berns

Die Listen mit den Werken der Sammlung Gurlitt sind online. Endlich. Jetzt ist bekannt, was in dem vermeintlichen Schatz wirklich steckt.

Darunter sind einzelne absolute Spitzenwerke: Eine der viele Bergansichten der «Montagne Sainte-Victoire» von Cézanne gehört dazu. Und auch Monets «Waterloo Bridge» im Nebel, daneben weitere impressionistische Werke von Pissaro, Renoir oder Degas.

Neben französischer Kunst des 19. Jahrhunderts bilden expressionistische Werke und Grafiken von Ernst Ludwig Kirchner oder George Grosz einen weiteren Schwerpunkt der Sammlung Gurlitt.

Was die nun veröffentlichten Werklisten aber auch zeigen: Neben Spitzenwerken beinhaltet die Sammlung auch ein breites Mittelfeld.

Provenienzen noch nicht erforscht

Wichtig dabei ist: Die Werklisten liefern keine Information darüber, wie die Werke in die Sammlung gelangten. Die Erforschung der Provenienzen ist nun Aufgabe der «Taskforce Schwabinger Kunstfund», die für das Kunstmuseum Bern die Abklärungen weiter vorantreibt. Zahlreiche Werke der Sammlung stehen im Verdacht NS-Raubkunst zu sein, denn Cornelius Gurlitt erbte die Sammlung von seinem Vater Hildebrand Gurlitt, der als Kunsthändler im Nationalsozialistischen Deutschland und später auch in den besetzten Gebieten arbeitete.

Brisante Tätigkeiten in Frankreich

Insbesondere Hildebrand Gurlitts Tätigkeit im besetzten Frankreich ist brisant. Sie schlug sich offenkundig in seiner Sammlung mit dem Schwergewicht französischer Kunst des 19. Jahrhunderts nieder.

Ab 1940 wurden die Bestände französischer Museen und Privatsammlungen systematisch durch die Nazis beraubt. Die Kunstrauborganisation «Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg» unter Leitung von Alfred Rosenberg konfiszierte Kunstgegenstände aus über 50 Sammlungen und lagerte die wertvollsten Stücke im Jeu de Paume.

In mindestens einem Fall besteht ein Bezug zwischen Hildebrand Gurlitts Sammlung und dem «Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg»: Das Portrait von Henri Matisse «Femme assise», das die Taskforce in einem bereits publizierten Abschlussbericht als NS-Raubkunst klassiert hat und zu dem sie die Empfehlung ausspricht, es an die Erben der rechtmässigen Eigentümers zurückzugeben.

Forderung Transparenz erfüllt

Mit der Publikation der Werklisten leistet das Kunstmuseum Bern den Forderungen von internationalen Provenienzforscherinnen und –forschern nach mehr Transparenz Folge. Online einzusehen sind seit kurzem auch einige Geschäftsbücher von Hildebrand Gurlitt.

Diese Quelle ist von ungeheurer Bedeutung für die Forschung, nicht nur in Bezug auf die Provenienzen in der Sammlung Gurlitt, sondern auch, wenn es um die Herkunft anderer Werke geht, bei denen NS-Raubkunst-Verdacht besteht. Denn Hildebrand Gurlitt hat als Kunsthändler ja nicht nur gesammelt, er hat viele Kunstwerke auch weiterverkauft.

Seit das Kunstmuseum Bern am Montag die Annahme des schwierigen Erbes bekanntgegeben hat, geht es also voran mit der Aufarbeitung der Sammlung. Dennoch wird das Klären der Provenienzen Jahre in Anspruch nehmen.