Volksbefragung: vor 50 Jahren zensiert – heute eine Kunstaktion

Das Kunstkollektiv Com&Com hat 50 Jahren nach der Expo 64 eine damals zensierte Volksbefragung neu inszeniert. Das Projekt «Point de Suisse» lässt tief in die Schweizer Seele blicken und lädt zur Selbstreflexion ein.

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«Point de Suisse»

Die Aktion «Point de Suisse» von Com&Com, einem multidisziplinär tätigen Schweizer Künstlerduo. Es besteht aus Marcus Gossolt und Johannes M. Hedinger. Der Fragebogen für die Umfrage entstand zusammen mit dem Autor und Regisseur Milo Rau und seinem Mitarbeiter Rolf Bossart.

Der Riese, der durchs Zwergenland trampelt, gab der Aktion den Namen. An der Expo 64 in Lausanne stand ein haushoher Gulliver aus Pappmaché und schaute auf die Schweizer Besucher hinab. Diese konnten einen Fragebogen ausfüllen über ihr eigene Befindlichkeit und den Zustand der Schweiz. Sie erfuhren direkt vor Ort, wie ihre Antworten im Vergleich zu den anderen ausfielen.

Doch die Daten wurden nie ausgewertet, der Bundesrat entschied, sie zu vernichten. Zu modern, zu liberal war das Bild der Schweiz, das er von der Umfrage erwartete.

Reenactment der Volksbefragung

«Wir wollten an diese Geschichte von damals erinnern und sie zu Ende erzählen», sagt Johannes M. Hedinger vom Künstlerkollektiv Com&Com. Er hat mit einem Team aus Künstlern und Wissenschaftlern im Auftrag des Festival de la Cité Lausanne das Projekt «Point de Suisse» entwickelt und durchgeführt: ein Reenactment, also eine Neuinszenierung, der damaligen Volksbefragung.

In einer repräsentativen Umfrage beantworteten 1000 Personen teilweise dieselben Fragen wie bei der Volksbefragung an der Expo 64. Weitere fast 5000 Personen füllten den Fragebogen online aus.

Was zeichnet einen guten Schweizer aus?

Dagmar Walser über «Point de Suisse»

8:17 min, aus Kultur kompakt vom 01.09.2014

Während viele Fragen der heutigen Zeit angepasst wurden, ist eine gleich geblieben: Was zeichnet einen guten Schweizer aus? Auch heute zeigen die Befragten ein offenes Verständnis eines guten Schweizers: 80 Prozent etwa geben an, man könne durchaus ein guter Schweizer sein, wenn man nur eine der vier Landessprachen spricht. Mehr als 70 Prozent akzeptieren Schweizer, die erst um neun Uhr aufstehen. Und immerhin noch 56 Prozent solche, die von Sozialhilfe leben.

«Diese Antworten sind im Vergleich zu 1964 noch offener geworden. Nur eines geht immer noch absolut nicht: Ein Schweizer, der nicht abstimmen geht», sagt Johannes Hedinger und fügt hinzu, er hätte auch so geantwortet.

Transparenz mit Augenzwinkern

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Volksbefragung online

Die Fragen, Resultate und Analysen der beiden Befragungen gibt es auf der Website von «Pointe de Suisse».

An zwei öffentlichen Veranstaltungen werden die Resultate präsentiert: Am Théâtre Vidy Lausanne (25. September) und in der Gessnerallee Zürich (14.Oktober). Zeitgleich erscheint eine Publikation.

Welche an die Schweiz anliegende Region würden Sie gerne zur Schweiz zählen? Googeln Sie sich selbst? Welches Ereignis aus der Schweizer Geschichte würden Sie gerne streichen?

Das Potenzial der Umfrage liegt darin, dass sie Fragen stellt, wie es der Bundesrat oder eine amtliche Stelle nie tun könnten. Zwar kommt das Ganze auf den ersten Blick in einer offiziell wirkenden Grafik daher, doch sind die Zwischentöne und künstlerischen Perspektiven darauf leicht auszumachen.

Transdisziplinäre Perspektive

Das Material, das nun online frei zugänglich ist, wird von Wissenschaftlern und Künstlern weiter ausgewertet. Es liefert einen Blick auf die Schweiz, der nicht zuletzt durch interessante Widersprüche ein lebendiges Sittenbild zeigt.

Während Gulliver vor 50 Jahren noch von oben auf die Schweizer herunter geschaut hat, lädt «Point de Suisse» zur Selbstreflexion ein. Johannes Hedinger: «Wir nennen es eine soziale Skulptur im Sinne von Joseph Beuys, weil es ein Projekt ist, das nur durch die Partizipation der Leute zu einem Kunstprojekt wird.»