Woher kam die «entartete» Kunst? Ein Museum befragt sich selbst

Welches Werk gelangte wie und wann in die eigene Sammlung? Diese Frage stellt sich derzeit das Kunstmuseum Bern und konzentriert sich auf Kunstwerke, die in der NS-Zeit als «entartet» beschlagnahmt wurden. Eine Ausstellung, die zeigt, wie wenig man bisher weiss.

  • Mit seiner neuen Ausstellung geht das Kunstmuseum Bern der Herkunftsgeschichte seiner Bilder nach. Der Fokus liegt dabei auf der sogenannten «entarteten» Kunst.
  • Sechs, vielleicht sogar sieben Werke, die sich in der Berner Sammlung befinden, wurden im dritten Reich in deutschen Museen als «entartet» beschlagnahmt.
  • Damit wird die problematische Geschichte der Bilder nicht unter den Teppich gekehrt, sondern in einer Ausstellung aufgearbeitet. Ein wichtiges Signal.
  • Allerdings: Es bleibt nur ein Signal. Denn die einst als «entartet» beschlagnahmte Kunst darf bis heute ganz legal gehandelt werden. Es wird also keine spektakulären Rückforderungen geben.

Mit Kirchner fängt die neue Ausstellung im Kunstmuseum Bern an und mit Kirchner hört sie auf. Das erste Bild des deutschen Expressionisten gelangte 1933 ins Kunstmuseum Bern, das letzte 2009. Zwischen den beiden Bildern Kirchners liegen Welten. Nicht künstlerisch. Sondern wenn es darum geht, welche Verantwortung Museen für die eigene Sammlung zu übernehmen haben.

Verantwortung für die eigene Sammlung übernehmen

Mit seiner neuen Ausstellung «Moderne Meister. ‹Entartete› Kunst im Kunstmuseum Bern» stellt sich das Haus der eigenen Sammlungsgeschichte und der Verantwortung für sie: Welche Bilder wann wie in die Sammlung kamen, ist dabei eine zentrale Frage.

Eine weitere Frage: Sind Werke darunter, die einst jüdischen Eigentümern in der NS-Zeit gestohlen wurden? Schweizer Museen sind verpflichtet, auf diese Frage eine Antwort zu finden, seit die Schweiz 1998 die Washingtoner Prinzipien unterzeichnet hat. Eine rechtlich nicht bindende Vereinbarung, die aber international breit anerkannt ist.

Beschlagnahmt, zerstört oder verkauft

Das Kunstmuseum Bern konzentriert sich in der aktuellen Ausstellung auf die sogenannt «entartete» Kunst. Der Begriff bezeichnet Kunstwerke, die 1937, teilweise auch schon früher, in deutschen Museen beschlagnahmt wurden.

Die gesamte künstlerische Moderne von Cuno Amiet über Cézanne und Picasso bis Heinrich Zille verschwand aus deutschen Sammlungen. Die Werke wurden teils zerstört, teils im Ausland für wertvolle Devisen verkauft – zum Beispiel in der Schweiz.

Sechs, vielleicht sogar sieben Werke, die sich heute in der Berner Sammlung befinden, wurden einst in deutschen Museen als entartet beschlagnahmt. Das ist für Fachleute und Expertinnen nichts Neues.

Herkunftsforschung im Berner Kunstmuseum

2:32 min, aus Tagesschau vom 6.4.2016

Wichtiges Signal gesetzt

Neu ist jedoch, dass ein Schweizer Museum so offensiv mit dieser Geschichte der eigenen Sammlung umgeht. Hier wird Geschichte nicht unter den Teppich gekehrt, sondern in einer Ausstellung aufgearbeitet. Ein wichtiges Signal.

Allerdings: Bern setzt die Signale dort, wo es nicht weh tut. Denn die als entartet beschlagnahmte Kunst darf bis heute legal gehandelt werden. Das entsprechende Gesetz aus der NS-Zeit wurde bis heute nicht aufgehoben. Es wird also keine spektakulären Rückforderungen geben.

Immer noch einige offene Fragen

Brisant ist die Ausstellung in Bern aus einem anderen Grund: Im Katalog macht das Haus öffentlich, wie weit die Provenienzforschung, zu der es verpflichtet ist, fortgeschritten ist. In dem Teilbereich, der erforscht wurde, zeigen sich viele Lücken.

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Ausstellungshinweis

«Moderne Meister. ‹Entartete› Kunst im Kunstmuseum Bern»

7. April bis 21. August 2016
Weitere Informationen.

Insbesondere die Besitzverhältnisse in den heiklen 1930er-Jahren sind bei einigen Werken unklar. Das bedeutet nicht, dass das alles NS-Raubkunst ist. Aber es bedeutet, dass die Forschung seit fast 20 Jahren nicht wirklich substanziell vorangekommen ist.

Ein transparenter Spagat

Matthias Frehner, Direktor des Berner Kunstmuseums, verteidigt die Forschung im eigenen Haus. 1998, nach der Unterzeichnung der Washingtoner Prinzipien, habe man damit begonnen, die eigenen Bestände zu untersuchen.

Damals hätten andere Kriterien gegolten als heute: «Damals suchte man ausschliesslich nach NS-Raubkunst. Heute geht es um eine lückenlose Provenienzkette.» Daran werde man arbeiten, versichert Matthias Frehner.

Zurzeit jedenfalls macht das Kunstmuseum Bern einen eigentümlichen Spagat: Es legt offen, wie wenig es über die eigene Sammlung weiss. Weil es aber bisher das einzige Haus ist, das mit seinem Unwissen so transparent umgeht, sieht es dabei noch gut aus.