«1956»: Ein Jahr im Zeichen des Aufstandes

Der Aufstand in Ungarn, die Krise am Suezkanal und Rock 'n' Roll: Das Jahr 1956 war geprägt durch Umbrüche und dramatische Ereignisse. Der britische Historiker Simon Hall widmet ihm ein brillant geschriebenes Buch. Schade nur, überspannt er dabei den Bogen.

Ein Elvis-Fan ahmt dessen Pose nach, im Vordergrund die Beine von Fans. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Rock 'n' Roll mit Elvis als Projektionsfigur einer neuen Jugendprotestkultur: Einer der vielen Aufstände im Jahr 1956. Getty Images

Es habe sich um einen «monumentalen Kampf» gehandelt, «der die Nachkriegswelt von Grund auf verändern sollte». Im Jahr 1956, schreibt Simon Hall in der Einleitung zu seinem Werk «1956 – Welt im Aufstand», seien «auf der ganzen Welt» gewöhnliche Menschen aufgestanden, um «grössere Freiheiten zu erkämpfen und eine gerechtere Welt aufzubauen».

Stimmt das? Oder folgt hier ein Historiker einfach einem aktuellen Trend, historische Bücher über einzelne Jahre zu schreiben, wie ihn etwa Victor Sebestyen («1946») oder Florian Illies («1913») vorgezeichnet haben?

Das Jahr der Aufstände

Tatsächlich ist 1956 auf verschiedenen Kontinenten einiges los: In Europa erheben sich die Völker Polens und Ungarns gegen die sowjetische Hegemonie. Doch zu viel Selbstbestimmung will der sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow den Satellitenstaaten nicht zugestehen: Den Aufstand in Ungarn beendete er im Herbst 1956 mit einer Invasion seines Militärs.

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Über den Autor

Porträt Simon Hall

Foto: Mark Webster

Der Historiker Simon Hall lehrt und forscht an der University of Leeds zur amerikanische Geschichte – vor allem zur Bürgerrechts-bewegung in den USA.

Erfolgreicher sind die Freiheitskämpfe auf dem afrikanischen Kontinent: Marokko und Tunesien werden in jenem Jahr frei. Sie zählen zu den ersten afrikanischen Staaten, denen die Unabhängigkeit von den europäischen Kolonialmächten vergönnt ist.

Krise am Nil und Protest der Jugend

Besonders dramatisch sind die Vorgänge 1956 in Ägypten: Präsident Nasser verstaatlicht den Suezkanal und beansprucht die Kontrolle über dessen Nutzung. Frankreich und Grossbritannien entschliessen sich im Verbund mit Israel zu einem Militärschlag. Er gerät zum Fiasko. Nasser kann sich als strahlenden Sieger feiern lassen.

Auch in den USA brodelt es: Die Bürgerrechtsbewegung formiert sich gegen die Diskriminierung der Schwarzen. An ihrer Spitze steht der charismatische Geistliche Martin Luther King. Anfang 1956 verüben Extremisten einen Bombenanschlag auf sein Haus in Montgomery im Bundesstaat Alabama. Niemand kommt zu Schaden. 1968 tötet ein weisser Rassist den Bürgerrechtler.

Schliesslich erlebt 1956 eine ganze Generation eine Befreiung: Elvis Presley hat seinen Durchbruch. Er wird zur Identifikationsfigur der Rock-‘n‘-Roll-Bewegung und damit zur Projektionsfigur einer neuen Jugendprotestkultur.

Der Autor turnt virtuos

Simon Hall verwebt die Erzählung all dieser – und noch weiterer – Freiheitskämpfe des Jahres 1956 geschickt miteinander. Er erzählt chronologisch vom Januar bis zum Dezember, wechselt die Schauplätze, kehrt später im Jahr wieder dorthin zurück, wo er die Schilderung das letzte Mal unterbrochen hat.

Man folgt diesem virtuos zwischen den Ländern und Kontinenten hin und her turnenden Historiker gerne: Der Mann schreibt mit einer sprachlichen Brillanz, wie man sie anderen Vertretern seiner Zunft oft nur wünschen könnte.

Das Buch macht in guter angelsächsischer Tradition Geschichte unmittelbar erlebbar. Hall beherrscht sowohl die spannungsgeladene und reportagenartige Schilderung des dramatischen Einzelmoments, als auch die hintergründig analytische und erhellende Einordnung.

Kein einheitlicher Freiheitskampf

Allerdings übertreibt es Hall mit seiner Fixierung auf das Jahr 1956: Er stilisiert es regelrecht zur Epochenschwelle, die es in Tat und Wahrheit nicht war. Die geschilderten Freiheitskämpfe sind keineswegs auf das Jahr 1956 beschränkt. Sie wurzeln vielmehr in früheren Jahren und setzen sich in späteren fort.

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Buchhinweis

Simon Hall: «1956 – Welt im Aufstand». Klett-Cotta, 2016.

Hinzu kommt, dass Hall geradezu fahrlässig suggeriert, dass die Aufstände in Osteuropa, in Afrika und in den USA – ja letztlich sogar der Rock ’n’ Roll – Spielarten desselben grossen Kampfes für eine bessere Welt seien. Das ist blanker Unsinn.

Keine bessere Welt

Natürlich gab es rund um den Globus Mitte der 1950er-Jahre eine gewisse Frustration darüber, dass sich nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs die Hoffnungen auf eine bessere Welt nicht wirklich erfüllen wollten. Dennoch: In Osteuropa etwa ging es um die Herrschaft des Kommunismus. Diese hatte völlig andere Ursachen als beispielsweise die bis in die frühe Neuzeit zurück reichende Kolonialherrschaft der Europäer in Afrika.

Hall tut in seinem Buch etwas, was ein Historiker eigentlich gerade nicht tun sollte: Er verwischt Unterschiede und wirft Ungleiches vorschnell in den gleichen Topf. Das ist schade. Etwas mehr Zurückhaltung, Ungleiches als Gleiches verkaufen zu wollen, wäre angezeigt gewesen.

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