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«Aberleben» von Adolf Muschg – was steckt hinter dem Roman?
Aus Kultur-Aktualität vom 15.07.2021.
abspielen. Laufzeit 03:05 Minuten.
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«Aberleben» Der neue Muschg: Rauchzeichen eines Selbstverliebten

Alterswerk mit Alter Ego: In seinem neuen Roman «Aberleben» zeichnet Adolf Muschg sein eigenes Leben nach. Am meisten scheint sich der Autor dabei selbst zu gefallen.

Ein ehemaliger Literaturprofessor und Schriftsteller verlässt seine Frau und sein Zuhause in der Schweiz, um in Berlin ein neues Buch zu schreiben. Zuvor hat er beschlossen, seine Krebsbehandlung abzusetzen. Dafür aber haucht er einer Figur, die er in einem früheren Roman «Sutters Glück» sterben liess, in seinem neuen Buch ein zweites Leben ein.

Wer Adolf Muschg kennt, wird im Plot seines neuen Romans «Aberleben» einiges wiedererkennen: Auch Muschg war Professor für Deutsche Sprache und Literatur an der ETH Zürich. Den Roman mit dem Titel «Sutters Glück» hat er vor rund 20 Jahren selbst geschrieben.

Die Hauptfigur A. in «Aberleben» ist also eine Art Alter Ego, ein Doppelgänger von Muschg. Überhaupt spielt der Roman ganz bewusst damit, was wirklich und was erfunden ist. Immer wieder werden Erzählebenen gebrochen. Etwa wenn Figuren, die in dem fiktiven Roman von A. vorkommen, plötzlich leibhaftig vor A. stehen.

Keine einfache Lektüre

An einer Stelle lässt Muschg seine Hauptfigur darüber sinnieren, dass sein letztes Buch «zwar gelobt, doch nur mässig verkauft worden war.» Die Aussage trifft etwas an Muschgs Schreiben auf den Punkt: Nur weil ein Roman aus literaturwissenschaftlicher Perspektive gut gemacht ist, heisst das nicht, dass er auch gerne gelesen wird.

In «Aberleben» ist es die schiere Fracht an literaturwissenschaftlichen Themen, Motiven, Figuren und Doppelfiguren, die die Lektüre erschweren. Hinter all diesem Überbau verlieren die Figuren, die regelmässig aus dem Stegreif Goethe, Schiller oder mittelalterliche Minnesänge zitieren, an Glaubwürdigkeit.

Dass Muschgs Romane keine einfache Lektüre sind, ist bekannt. Sie werden gerne als «Professorenromane» bezeichnet, leider nicht immer im besten Sinne. Die komplizierten Handlungen verlangen von den Leserinnen und Leser einiges an Vor- und Mitarbeit ab. Das ist auch in «Aberleben» nicht anders.

Muschg präsentiert sich darin erneut als grosser Goethe-Fan und setzt viel Kenntnis etwa von «Faust» oder dem Bildungsroman «Wilhelm Meisters Lehrjahre» voraus.

Kanon vs. Cancel Culture

Diese literarischen, fast literaturwissenschaftlichen Verweise wären ja noch das eine. Befremdend unzeitgemäss hingegen lesen sich die Inszenierungen dieses pfeiferauchenden Schriftstellers, dem Muschg so deutlich seine eigenen Züge gibt. Überall begegnet A. ihn verehrende Leser. Weibliche Anhängerinnen lassen der Reihe nach die Hüllen fallen, um den betagten Autor näher kennenzulernen.

Darüber entsteht das Bild eines Autors, der sich in seiner intellektuellen Rolle vor allem selbst gefällt. Kritik an seinen Aussagen will er entweder nicht hören oder winkt sie ab. Erst vor wenigen Monaten stand Muschg aufgrund seines Vergleiches der Cancel Culture mit Auschwitz in der «Sternstunde Philosophie» in Kritik.

Diese Haltung spiegelt sich auch in der Form des Romans wieder: Man wird das Gefühl nicht los, dass hier ein Autor mehr mit seinem kanonischen Wissen prahlt, als dass er der Beschäftigung mit dem Tod wirklich eigene, tiefere Einsichten abgewinnt.  

Video
Adolf Muschg – Wie geht Lebenskunst?
Aus Sternstunde Philosophie vom 25.04.2021.
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Radio SFR 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 15.7.2021, 8:06 Uhr

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Hermann Roth  (Dr. Wissenschaftler)
    War richtig erfrischend, diese Kritik zu lesen. Bravo!
    1. Antwort von Clemens Lüthi  (Clemens Lüthi)
      Bashing ist offenbar für gewisse Leute immer erfrischend. Das aus dem Zusammenhang gerissene Auschwitz-Zitat kam in der Sternstunde-Sendung mit Muschg für mich ziemlich plausibel herüber. Aber wer macht sich schon die Mühe, eine Sendung anzuschauen wenn ein SCHLAGWort genügt?
  • Kommentar von Werner Winzeler  (Wernher)
    Eine solche Kritik von SRF überrascht. Hier ist man doch eher geneigt, linkslastige Personen hochzuschreiben. Deshalb: Danke.
    1. Antwort von Christine Gross  (Tina)
      Eine solche Kritik von SRF überrascht nicht. Denn Adolf Muschg ist mit seiner Kritik an der Cancel Culture, die er dummerweise mit dem Wort Auschwitz verbunden hat, dem Mainstream, zu dem auch das SRF gehört, schmerzhaft auf die Füsse getreten. Schade, dass SRF den Kritiker an seinem unbedachten Vergleich aufhängt anstatt die berechtigte Kritik ernstzunehmen.
    2. Antwort von Susanne Saam  (Biennoise)
      @Christine Gross: Muschg erhält eine Bühne und beklagt sich über cancel culture. Vielleicht einfach, weil andere auch eine Bühne erhalten und alte weisse Männer nicht mehr die einzige literarische, gesellschaftliche und politische Referenz sind.
      Sein Vergleich mit Auschwitz ist übrigens mitnichten unbedacht, Muschg ist ein Mann der Sprache und nicht dumm. Das macht den Vergleich noch schlimmer. Es gibt nur ein Auschwitz. Punkt.
    3. Antwort von beni bach  (benibach)
      Ich habe ehrlicherweise auch nicht verstanden, warum Muschg die absolut berechtigte Kritik an der Cancel Culture mit diesem Unwort verbinden musste.

      Aber: Dass ihm das hier nun sofort wieder um die Ohren geschlagen wird, in dem es irgendwie in diese Kritik seines neuen Romans verwoben wurde - es entsteht der Eindruck, dass es unbedingt irgendwo Platz finden musste - war ja klar. Wie kann man so, ja eigentlich naiv in dieses Fettnäpfchen treten?
      Souverän geht anders.
    4. Antwort von Jonas Sanddorn  (Sanddorn)
      @Hier wird nur gehetzt. Früher wurden gegen Hexen und heute gegen alte weisse Männer gehetzt. Es bleibt aber dumme und gefährliche Hetze.
  • Kommentar von Peter Schmid  (nattydread)
    Ach Mutschg...es wäre Zeit, kürzer zu treten, evtl. vielleicht gar ganz kurz !
    1. Antwort von Richard Liu  (richard-liu)
      Ach Schmid, haben Sie überhaupt etwas von Hrn. Muschg gelesen?
    2. Antwort von Edi Steinlin  (Chäsli)
      Richard Liu, ja dummerweise habe ich das und bin dabei zum Schluss gekommen, dass es Muschg nicht unbedingt braucht !