Krieg, Verrat, Mitläufertum – schwere Themen wie diese treiben den Schriftsteller Norbert Gstrein seit jeher um. Sie stehen in seinen früheren Werken im Zentrum und auch im aktuellen Roman «Im ersten Licht».
Er pflege in seiner Literatur Fragen nach dem Grundsätzlichen zu stellen, «nach Dingen, die viele Menschen betreffen», sagt der vielfach preisgekrönte 64-jährige Autor. «Im ersten Licht» ist nominiert für den renommierten Preis der Leipziger Buchmesse.
Eine Jahrhundertfigur
Die Hauptfigur des Romans ist der fiktive Adrian Reiter. Er wird 1901 bei Salzburg geboren und erlebt im Laufe seines Lebens zwei Weltkriege. Und damit zwei Mal, wie die Welt untergeht, die er gekannt hat.
Zwar muss Adrian Reiter im Ersten Weltkrieg selbst nie an die Front. Er ist untauglich für den Kriegsdienst. Er bekommt jedoch mit, wie Gleichaltrige aus seinem Umfeld im Fleischwolf der Front fallen. Wer überlebt, kehrt körperlich und seelisch verstümmelt nach Hause.
Vom Krieg versehrt
Das bleibt Adrian Reiter erspart. Doch es traumatisiert ihn: Er ist als «Zaungast der Geschichte» nur vermeintlich ein «Verschonter». Die Bilder der Verstümmelten verfolgen ihn. Und gleichzeitig fühlt er sich ein Leben lang als Aussenseiter, weil er nie selbst im Krieg war – so, wie alle anderen.
Er entwickelt eine krankhafte Obsession für den Krieg, verschlingt zahllose Bücher über Schlachten und Fronten, wird Geschichtslehrer, verliert sich ins pausenlose Dozieren über die Jahrhundert-Katastrophe.
Während der Hitler-Diktatur bleibt Reiter dem Regime gegenüber ambivalent. Niemals zeigt er klare Kante: Sein beschädigtes Ich hat keinen moralischen Kompass. Auch dann nicht, als Reiter von den Massentötungen und Judenmorden erfährt: Sie verstören ihn, führen aber lediglich zu noch mehr innerem Durcheinander.
Der Krieg hat auch den vermeintlich «verschonten» Adrian Reiter gebrochen. Unheilbar, bis zu seinem Tod in den späten 1980ern. Nie war er zur Liebe fähig. Zu kaputt sein Inneres.
Distanz wahren
Der Roman bietet schweren Stoff. Doch er ist gut lesbar. Unter anderem aufgrund der geschickt gewählten Erzählperspektive – durch die Augen des vermeintlich Unbeteiligten auf das grässliche Kriegsgeschehen zu blicken: Dadurch bleibt der Horror stets unscharf.
Die Darstellung läuft so nie Gefahr, das Geschilderte durch zu grosse Nähe zu verkitschen. Zudem wissen Leserinnen und Leser stets, dass da einer berichtet, der nicht unmittelbar dabei war – und dennoch massiv Schaden nahm. Um wieviel schlimmer muss die Realität für die direkt Beteiligten gewesen sein?
Roman der Zeitenwende
Es gehe ihm in diesem Roman um Fragen, «über die man in Zukunft viel deutlicher wird nachdenken müssen», sagt Norbert Gstrein. Tatsächlich leben wir heute in Zeiten, da eine alte Welt unterzugehen scheint: Der Krieg ist zurück in Europa. Das Völkerrecht, kollektive Sicherheitssysteme und die Demokratie werden brüchig.
Bei diesem Wandel seien wir «nur vermeintlich beobachtende Zaungäste», sagt Norbert Gstrein. Denn «das Geschehen holt uns ein», so wie der Krieg Adrian einholte, ist der Autor überzeugt: «In dieser zunehmenden Unsicherheit können wir nicht einmal darauf setzen, dass wir nicht irgendwann tatsächlich von einem heissen Krieg betroffen sein werden.»