Alex Capus erfindet in seinen Romanen die Wahrheit

Er geht der Realität auf die Spur, erfasst sie mit allen Sinnen und erfindet sie dann neu. «Léon und Louise» ist die Geschichte seines Grossvaters. Liebevoll und bildstark erzählt. Die oft seitenlangen Dialoge werden nun in einem Hörspiel zum Leben erweckt.

Alex Capus blickt in die Kamera. Er hat braunes, lockiges Haar. Im Hintergrund sind verschwommen Tische und Stühle zu sehen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Alex Capus ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Gastwirt. Keystone

Mit «Léon und Louise» hat Alex Capus einen internationalen Bestseller geschrieben. Zwei Weltkriege und eine wunderschöne Liebesgeschichte – so könnte man den 2011 erschienenen Roman in sechs Worten zusammenfassen. Inspiriert zu diesem Stoff wurde Alex Capus durch die Lebensgeschichte seines Grossvaters, in dessen Haus er selber die ersten fünf Jahre seines Lebens aufgewachsen ist.

Kein Schriftsteller, der im Konjunktiv lebt

Die Figuren und ihre Lieder

1:50 min, vom 30.10.2014

Alex Capus kennt also den Geruch und die Atmosphäre seines Romanhelden durch eigene prägende Kindheitserinnerungen. «Jo, dä würd mr paar an d’Ohre gä», meint Capus auf die Frage, was sein Grossvater zu seinem Bestseller sagen würde. Andererseits könne einer, der schon ein Vierteljahrhundert im Himmel sei, auch einiges vertragen. Trotzdem wird damit die Frage aufgeworfen: Wie darf ein Schriftsteller mit historischen Wahrheiten umgehen?

Seit seinem ersten Roman «Munzinger Pascha» über den Schweizer Afrikaforscher Werner Munzinger hat sich Capus entschieden, ein Schriftsteller zu sein, der nicht im reinen Konjunktiv leben möchte, sondern, historisch belegte Figuren, Ortschaften und Ereignisse auferstehen lässt. Selbst die umfangreichste Recherche lässt jedoch weisse Flecken übrig, und um diese weissen Flecken geht es in der Literatur.

Schmeckt die Epoche mit allen Sinnen

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Sendehinweis

2014 entstand aus dem Roman das dreiteilige Hörspiel «Léon und Louise». Teil 1 ist zu hören am 24. November auf Radio SRF 1. Ab 30. Januar ist das Hörspiel im SRF Shop erhältlich.

Wie der Fälscher Emile Gilliéron in Capus‘ jüngstem Roman «Der Fälscher, die Spionin und der Bombenleger» ähnelt der Schriftsteller vermutlich einem Archäologen, der die frei gepinselten Bruchstücke einer unbekannten Geschichte wie ein Puzzle zusammensetzen muss. Ohne Fantasie ist das nicht zu schaffen. Trotzdem empfände es Capus als eine Beleidigung, wenn man ihn als einen «Wahrheitsfälscher» bezeichnen würde, denn manipulativ geht er nicht ans Werk.

Capus bereist die Handlungsorte seines Romans, liest die Zeitungen der Zeit, hört die Musik, die seine Romanfiguren hören und schmeckt die Epoche mit allen Sinnen ab. Einzig so ist zu erklären, warum das Liebespaar «Léon und Louise» den Leserinnen und Lesern so glaubwürdig im Herzen bleibt, weit über die letzte Seite des Romans hinaus.

«Louise ist mein Beuteschema»

Capus ist ein Erfinder von Wahrheit. Einmal gut erfunden bleibt sie wahr und lebendig. Ungefährlich ist das natürlich nicht. Jedenfalls gesteht Alex Capus ein, dass er beim Schreiben des Romans in Louise verliebt gewesen sei. Louise entspräche genau seinem «Beuteschema».

Ein glücklicher Jäger muss das sein, der sich seine «Beute» selbst erschreiben kann. Dieser Schriftsteller jedoch lebt nicht in der Welt seiner Figuren, sondern im Hier und Jetzt. Alex Capus führt in Olten eine Bar, ist seit über 20 Jahren glücklich verheiratet und hat fünf Kinder.

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