Alfonsina Storni: «Ich schrieb, um nicht zu sterben»

In Lateinamerika ist sie eine Legende, in der Schweiz kennen sie nur wenige: Alfonsina Storni, Lyrikerin, Schriftstellerin, Feministin. Die Schweizer Emigrantin setzte sich für Selbstbestimmung, Autonomie, für die Gleichstellung von Mann und Frau ein; mit spitzer Feder und scharfer Zunge.

Alfonsina Storni. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Alfonsina Storni (1892-1938) war eine Dichterin und Schriftstellerin der argentinischen Avantgarde. Limmat Verlag

«Als Zwölfjährige schreibe ich mein erstes Gedicht, nachts, als niemand sonst zu Hause ist. Darin spreche ich von Friedhöfen, von meinem Tod. Ich falte das Blatt ganz sorgfältig und lege es unter den Kerzenständer, damit meine Mutter es vor dem Einschlafen liest. Das Ergebnis tut gründlich weh. Am folgenden Morgen wollen mich einige energische Kopfnüsse lehren, dass das Leben schön sei.»

Diese Anekdote erzählte Alfonsina Storni am 27. Januar 1938 an der Universität Montevideo. Sie wurde eingeladen, einen Vortrag zu halten – eine grosse Ehre. Meist erntete sie mit ihren Auftritten, Artikeln und Gedichten heftige Kritik. Zu sarkastisch, zu zynisch, wenn auch humorvoll entlarvte sie gängige Klischees, tradierte Normen und Konventionen.

Mit vier Jahren nach Argentinien gezogen

So schrieb sie über die Frauen in ihrer Heimat, dem Tessin: «Lasst uns in die italienischsprachige Schweiz gehen… Treten wir in die Häuser, lernen die Frau auf dem Land kennen – und wir wollen vor lauter Erstickungsgefühl davonlaufen… Jene Frau wird uns geringer erscheinen als das schwerfällige Bergeselchen in unseren Anden – eine Art Taglöhner mit Ehegattinnen-Titel, eine Art Amme mit Mutter-Titel, eine Art Magd mit dem Titel Frau.»

Eigene Erinnerungen an Sala Capriasca, das Dorf, in dem sie 1892 zur Welt kam, dürfte die Poetin allerdings nicht gehabt haben. Denn Alfonsina ist erst vier Jahre alt, als die Familie nach Südamerika emigriert. Nicht aus Armut, sondern auf der Suche nach einem modernen, neuen Leben. Doch schon bald sind die Stornis Konkurs. Mutter und Tochter arbeiten, um die Familie über Wasser zu halten. 1906 stirbt der Vater. Ihre Mutter schweigt, schluckt, erduldet. So, wie es die Tessinerinnen zu tun pflegen, so Alfonsinas Überzeugung.

Selbstbestimmte Rebellin

Hildegard Keller: «Die Seele war ein weiter Begriff für sie»

1:01 min, vom 7.11.2013

In ihrer Rede «Zwischen halboffenen Koffern und dem Zeiger der Uhr» vom 27. Januar 1938 bringt sie die mütterliche Tradition mit ihrem Verlangen, das Unbegreifliche der Spezies Mensch in die Welt hinauszuschreien, in Verbindung: «All dies Beissende, Niedergekämpfte, Verstümmelte, alles, was in ihrer Seele eingeschlossen blieb, habe ich mit meinen Versen ins Freie geholt.»

Storni ist eine Rebellin, lässt sich von niemandem sagen, was sie zu sein, zu denken, zu fühlen, zu tun habe. Selbstbestimmung ist ihr oberstes Gebot. Sie will die Menschen wachrütteln, ermutigen, sich selbst zu sein, zur eigenen Persönlichkeit zu stehen, ihr Potential auszuschöpfen. Ein moderner Gedanke.

Storni verfolgt konsequent ihren eigenen Weg, und hält an ihren Prinzipien fest, selbst, als sie von einem verheirateten Mann schwanger wird. Sie entschliesst sich, den Knaben allein aufzuziehen und bleibt ihr Leben lang unverheiratet. Einsamkeit ist ihr steter Begleiter. Ebenso: finanzielle Unsicherheit.

Storni bleibt Visionärin

Alfonsina Storni als junge Frau. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: 1916 erschien ihr erster Gedichtband, «La inquietud del rosal», dessen Druck sie selber finanzierte. zvg

Als Theaterregisseurin und Kolumnistin versucht sie, die jungen Frauen zu mobilisieren gegen «fossile Männer, deren Gedankenwelt fast versteinert ist»: «Ihr Mädchen…: Ich schlage euch eine Jagdpartie im Wald der Fossilien vor. Ihr braucht keine anderen Waffen als eure Jugend, das Recht eurer Herzen und die Aufrichtigkeit eurer Leben…Na, reisst ihr euren Mut zusammen?»

Die Antwort lautet: Nein. Auch in Argentinien bleibt sie eine Visionärin: Storni, die Vordenkerin, die ihre rebellische Kraft aus ihrem tristen Heimatbild, dem Tessin, schöpft.

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Buch-Hinweis

Hildegard Keller: «Alfonsina Storni – Meine Seele hat kein Geschlecht». Limmat Verlag, 2013.

1935 wird bei Storni Brustkrebs diagnostiziert. Die Schmerzen werden unerträglich. Das Schreiben von Hand schier unmöglich. Drei Jahre später setzt sie ihrem Leben ein Ende. Selbstbestimmt. Kurz bevor sie sich im Meer ertränkt, schreibt sie ihr letztes Gedicht «Ich gehe schlafen».

Ihr Selbstmord ist das Motiv des Gedichtes «Alfonsina y el Mar» von Félix Luna, das von Ariel Ramírez vertont wurde und zu den bekanntesten lateinamerikanischen Liedern zählt.

Sendung zu diesem Artikel

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Der unbekannte Schweizer Star Alfonsina Storni

    Aus Kulturplatz vom 6.11.2013

    In Argentinien eine Legende, in ihrer Heimat unbekannt: Ein Leben lang kämpfte Alfonsina Storni für die Gleichstellung von Mann und Frau - mit spitzer Feder und scharfer Zunge: Geboren im Tessin emigrierte sie vierjährig mit ihrer Familie nach Argentinien, wo sie zu einer der grossen lateinamerikanischen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts avancierte. Legendär auch ihr Tod: Mit 46 Jahren stürzte sie sich ins Meer. «Meine Seele hat kein Geschlecht», unter diesem Titel liegen nun einige ihrer Schriften auf Deutsch vor.

    Autorin: Nicole Salathé