Als der Pop den alten Herren der deutschen Literatur den Rest gab

Die Bundesrepublik Deutschland befindet sich im Umbruch, als die Gruppe 47 im Jahr 1966 zu einer Auslandstagung in die USA reist. Das Literatentreffen wird legendär. Was in Princeton geschah, beschreibt Jörg Magenau in seiner fiktiven Reportage – und macht Geschichte lebendig.

Eine Gruppe mit Männern in Anzügen vor einem Schild mit der Aufschrift «Holiday Inn». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Welcome Gruppe 47»: Die wohl prominenteste Klassenfahrt in der deutschsprachigen Literaturgeschichte. Renate von Mangoldt

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Gruppe 47

Die Gruppe 47 war eine lose Vereinigung von deutschen Nachkriegsautoren, die zwischen 1947 und 1967 an den von Hans Werner Richter (1908–1993) organisierten Schriftstellertreffen teilnahmen. Sie war eine der einflussreichsten literarischen und kulturpolitischen Instanzen in der Bundesrepublik Deutschland.

«Welcome Gruppe 47» steht auf der Leuchtreklame des Holiday Inn, als die deutsche Reisegruppe am Tagungsort in den USA eintrifft. Das klingt nach Bedeutung, ist aber bloss Willkommensroutine der amerikanischen Hotelkette. Auf Einladung der Princeton University ist die Gruppe 47 nach New Jersey gereist, um noch einmal die Rituale ihrer Tagung durchzuführen: Lesung und Spontankritik in Workshopatmosphäre.

Kommen kann nur, wer eingeladen ist und dafür ist nur einer zuständig: Hans Werner Richter, Leiter und Organisator der Treffen. Drei Tage wird die Veranstaltung dauern. 80 Schriftsteller und Kritiker sind gekommen, mitsamt ihrem Gefolge aus Verlegern, Journalisten und Ehepartnern. Fast 20 Jahre nach ihrer Gründung ist die Gruppe längst eine Institution. Alles scheint wie immer. Doch der Eindruck täuscht.

Princeton live

Jörg Magenau hat eine fiktive Reportage über diese abenteuerliche Reise geschrieben: Princeton live. Gekonnt erweckt er den Eindruck, man sei dabei gewesen. So, als könne man Gedanken lesen, die Perspektiven wechseln und in die Köpfe der Beteiligten schauen. Nach Princeton wird sich alles ändern, nur scheint das noch keinem der Teilnehmer bewusst. Nur einmal wird man noch zusammenkommen, dann ist Schluss mit der Gruppe 47.

Die Tagung in New Jersey markiert den Umbruch, denn die gesellschaftlichen Verhältnisse haben sich verändert, die Politik und am Ende auch die Gruppe selbst.

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Buchhinweis

Jörg Magenau: «Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47», Verlag Klett-Cotta, 2016.

Pop, das Gegenteil der Gruppe 47

«Pop! It's what's happening in art», titelt das Magazin Newsweek im April 1966. Das Cover ist comicgrell. Pop ist das Ereignis, als die deutsche Lesegruppe in der Whig Hall tagt, dem Tagungsgebäude auf dem Campus. Draussen und drinnen.

Draussen sind die USA im Vietnamkrieg, es gibt erste Proteste vor dem Amerikahaus in Berlin. Draussen sind die Beatles auf USA-Tournee und spielen im Sommer in San Francisco. Ihr Song «Paperback Writer» wird die Nummer Eins in den USA und der Text über den Autor, der seine Zeilen verkauft, in Magenaus Buch im Original zitiert. Draussen gibt es Rumor und eine Ahnung von Revolte.

Erstarrte Routine

Drinnen sind oft noch die 1950er-Jahre sitzen geblieben, im Habitus und im Auftritt. Das gilt politisch nicht für alle Teilnehmer, aber ganz sicher für die Struktur der Veranstaltung in ihrer erstarrten Routine.

Günter Grass ist da und Siegfried Lenz, Peter Weiss und Hans Magnus Enzensberger. Und, wie immer in der ersten Reihe, die Kritiker: Marcel Reich-Ranicki, Walter Jens, Hans Mayer, Walter Höllerer. Klingelzeichen, 20 Minuten Lesung, Aussprache, spontan, aber bitte immer nah am Text. Daran hält man sich. Unterbrochen nur von den langen Abenden im Hotel.

Peter Handke gegen alle

Und so geht es weiter bis zum Sonntag, bis zum Auftritt des ganz jungen Peter Handke. Handkes eigene Lesung liegt schon etwas zurück, als er beginnt, eine spontan-kalkulierte Wutrede gegen alle anderen zu halten.

Von «Beschreibungsimpotenz» ist die Rede, von «läppischer Kritik». Aber was hängen bleibt, ist nur die kritische Energie und die mediale Wirkung. Was er gegen die anderen sagt, ist auch verdeckte Selbstkritik. Entscheidend sind aber die bewusste Regelverletzung und der Angriff.

Handke ist Pop, er wird jetzt, in den USA, zur Marke. Nach Princeton ist Handke ein Star und die Gruppe 47 am Ende: Game Over.

Sie haben sich nichts zu sagen

Jörg Magenaus fiktiver Reisebericht aus dem Innenleben der Gruppe 47 ist ein riskantes und gelungenes Buch. Es konzentriert Geschichte an einem entscheidenden Punkt und macht sie lebendig.

Als die Gruppe tagt, kommen in Princeton zeitgleich auch Allen Ginsberg und Tom Wolfe zu einer Tagung zusammen. Grass geht abends mit auf das Podium. Eine Geste, mehr nicht. Sie haben sich nichts zu sagen.

Sendung: Radio SRF2 Kultur, Kultur kompakt, 20.4.2016, 17:06 Uhr.