«Als Hitler unser Nachbar war» – eine wahre Geschichte

Edgar Feuchtwanger hatte als Kind in München einen Nachbarn, den man niemandem wünscht: Adolf Hitler. In seinem neuen Buch schildert der deutsch-britische Historiker, wie er den späteren Diktator erlebte – und wie sehr er unter ihm litt.

Zwei bilder auf einem zeigen links Edgar Feuchtwanger als junge, rechts als älteren Herren. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Edgar Feuchtwanger, damals und heute: Als kleiner Junge begegnete er Hitler als Nachbar, heute schreibt er über ihn. Edgar Feuchtwanger

«Ich sah die Silhouette von Adolf Hitler am Fenster. Er wirkte ganz klein. Er sah irgendwohin in die Ferne.» Es ist diese unbekümmert-naive Erzählweise, die Edgar Feuchtwangers Buch «Als Hitler unser Nachbar war» besonders macht. Edgar Feuchtwanger ist der Neffe des Schriftstellers Lion Feuchtwanger und hat sein neustes Buch zusammen mit dem französischen Journalisten Bertil Scali verfasst.

Mit den Augen eines Kindes

Ein älterer hält ein Foto von sich als Junge in der Hand und steht vor einem historisierenden Haus. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Edgar Feuchtwanger am Münchner Prinzregentenplatz, wo er als Kind in unmitterbarer Nachbarschaft zu Hitler wohnte. Edgar Feuchtwanger

Feuchtwanger war gerade einmal fünf Jahre alt, als Adolf Hitler 1929 am Prinzregentenplatz in München in unmittelbarer Nähe der jüdischen Familie Feuchtwanger eine Wohnung bezog. Er konnte nicht ahnen, dass dieser Mann sein Leben und dasjenige seiner Familie komplett verändern würde.

In der ersten Zeit der Nachbarschaft erlebte der kleine Edgar den späteren Diktator zunächst lediglich als etwas eigenartigen Zeitgenossen. So wunderte er sich etwa darüber, dass vor der Tür des Nachbars stets ein Wachmann stand: «Ich beobachte den Wachmann vom Fenster meines Zimmers aus. Es ist lustig, die Leute grüssen ihn oft, indem sie den Arm in die Luft heben, wenn sie an ihm vorbeigehen, und er antwortet ihnen mit einem Handzeichen.»

Wenn Hitler gewusst hätte ...

Er sei Hitler verschiedentlich begegnet, sagt der heute 89-jährige Edgar Feuchtwanger im Interview. Gesprochen habe er jedoch nie mit ihm. «Wenn Hitler gewusst hätte, dass ich der Neffe von Lion Feuchtwanger bin, den er wegen seiner scharfen Kritik am Nationalsozialismus über alles hasste, wäre ich heute vermutlich nicht da.»

Hitler zog nach der Machtergreifung 1933 nach Berlin, behielt aber seine Münchner Wohnung noch. Er sei vor allem an den Wochenenden häufig nach München zurückgekehrt, erinnert sich Feuchtwanger: «Er hat in einem seiner bevorzugten Restaurants gegessen und fuhr dann oft auf seinen Landsitz in Berchtesgaden.»

Die Entdeckung des Bösen

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Edgar Feuchtwanger

Edgar Feuchtwanger, geb. 1924 in München, war der Neffe des bekannten Schriftstellers Lion Feuchtwanger und wohnte in unmittelbarer Nachbarschaft zu Adolf Hitler. Die Familie von Edgar Feuchtwanger floh wegen ihrer jüdischen Abstammung 1939 nach England. Feuchtwanger, der renommierte Historiker, war später nie mehr in seiner Heimat wohnhaft.

Im Laufe der Zeit begriff Edgar Feuchtwanger, dass mit dem neuen Nachbarn etwas nicht stimmte. In der gut betuchten Verlegerfamilie, bei der Intellektuelle wie Thomas Mann ein- und ausgingen, war der Diktator ein Dauerthema.

Bei den Gesprächen, die der Junge belauschte, dämmerte ihm, dass Hitler «irgendwie böse» sein musste. Er bekam es mehr und mehr mit der Angst zu tun. «Ich mag es nicht, wenn meine Eltern abends ausgehen, ich habe Angst, dass sie nicht wiederkommen, dass man sie verhaftet und in ein Lager einsperrt», heisst es im Buch.

Der Familie Feuchtwanger stellte sich damals wie allen Jüdinnen und Juden im damaligen Deutschland die Frage der Flucht. «Mein Vater glaubte lange, wir könnten im Hitlerstaat bleiben», sagt Edgar Feuchtwanger rückblickend. «Mein Vater glaubte, wir könnten uns irgendwie mit der Situation arrangieren.»

Fliehen oder bleiben?

Edgar erlebte in den 30er-Jahren am eigenen Leib, was Rassismus bedeutet: Schulfreunde wandten sich von einem Tag auf den anderen von ihm ab. Die Familie durfte plötzlich das katholische Kindermädchen nicht weiter beschäftigen. Als Jude wurde Edgar zum Aussenseiter stigmatisiert. «So bin ich also Jude – und die anderen verabscheuen mich», schreibt Feuchtwanger.

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Buchhinweis

Buchhinweis

Edgar Feuchtwanger: «Als Hitler unser Nachbar war», Siedler Verlag, 2014.

Nach der Reichpogromnacht, der massiven und reichsweit koordinierten Gewaltaktion gegen die deutschen Juden 1938, setzte in der Familie Feuchtwanger ein Umdenken ein. «Wir realisierten, dass es lebensgefährlich geworden war, weiterhin in Deutschland zu bleiben», sagt er im Gespräch.

Im Februar 1939 floh Edgar Feuchtwanger nach Grossbritannien. Seine Eltern folgten ihm kurz darauf. «Wir waren uns bewusst, dass wir im letzten Moment ‹dem Reich des Bösen› entronnen waren und so unser Leben retteten. Wären wir länger geblieben, hätten wir nicht überlebt.»

Geehrt mit dem Bundesverdienstkreuz

Edgar Feuchtwanger machte nach dem Krieg in Grossbritannien Karriere als Historiker. Nach Deutschland zurück wollte er nie mehr. «Wir waren Engländer geworden und hatten unsere Wurzeln nun hier.»

Feuchtwanger verfasste jedoch zahlreiche Bücher zur deutschen Geschichte und weilte gelegentlich als Gastprofessor in Deutschland. Für seine Verdienste um die deutsch-britischen Beziehungen ehrte ihn Deutschland mit dem Bundesverdienstkreuz.

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