Amazon will alles haben: Der Internetgigant wird jetzt Verleger

Schon seit 2009 tritt der Online-Buchhändler Amazon in den USA auch als Verlag auf. Der Erfolg ist überschaubar. Jetzt soll ein deutschsprachiges Programm lanciert werden, um mit den grossen Publikumsverlagen auf eigenem Terrain zu konkurrieren.

Lange Regalreihen in Amazons Versandzentrum. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Amazons Versandzentrum: Bislang nur Vertrieb, will das Internetunternehmen nun auch noch ein Verlag werden. Keystone

Amazon kennt man vor allem als Händler, als Vertriebsgigant, der schon mal auffällt, weil sich die Mitarbeiter über die Arbeitsbedingungen beschweren und streiken. Jetzt verspricht der Online-Riese den Buchverlag und -vertrieb aus einer Hand – mit höheren Tantiemen für die Autoren als die Verlage sie zahlen.

Die marktüblichen Tantiemen liegen zwischen acht und zehn Prozent des Verkaufspreises. Amazon verspricht mehr und lässt verlauten, es gehe um die vielen Autoren, die keine Frank Schätzings sind, die keine Millionen-Auflagen haben, die nicht auf Händen getragen werden – weder vom Publikum noch von den Verlagen.

Damit erweckt das Unternehmen den Anschein, es fördere unbekannte Autoren und zahle gut. So lockt Amazon mit seiner bekannten Marktmacht, von der auch die Lieferanten der Inhalte, die Autoren, profitieren sollen. Amazon spricht von «grossartigen deutschsprachigen Autoren», die es verlegen will. «Grossartig» ist sicher ein deutbarer Begriff mit latent ironischem Unterton. Bisher ist nichts Grossartiges im Programm. Natürlich nicht. Dazu ist es zu früh.

Trivial, erotisch, historisch

Es werden zunächst rund 12 Titel sein, die Amazon verlegt, wovon bisher drei bekannt sind. 200 pro Saison sollen es dann regelmässig werden. Darunter ist die deutsche Autorin Emily Bold (Pseudonym) aus Mittelfranken; «Klang der Gezeiten» heisst ihr Titel. Erste Konturen sind erkennbar: Es geht Amazon um Unterhaltungsliteratur mit Massenappeal. Trivial-Literatur, lanciert als Print und E-Book: Erotik, Krimi, Fantasy, historische Romane.

Kaum bekannte Autoren

Autoren dafür gewinnt der Konzern bei den Self-Publishern, den Selbstverlegern. Amazon fischt im schier grenzenlosen Meer derer, die keinen regulären Verlag fanden, aber unbedingt an die literarische Öffentlichkeit wollten. Autoren, die nicht nur geschrieben, sondern auch lektoriert, nachgedruckt und vertrieben haben: alles in Personalunion.

Bekannte Namen gibt es bislang kaum im Portfolio: Im englischen Programm hat nur die renommierte schottische Schriftstellerin A. L. Kennedy ihren Titel «Das blaue Buch» bei Amazon verlegt. Ohne grossen Erfolg.

Amazon würde, wenn das alles gelingen sollte, zu einer Verlagsgrösse werden. Ob es um reine Autorenförderung geht? Amazon hat bislang nicht den Anschein erweckt, Geld nach Robin-Hood-Manier umverteilen zu wollen. Eine geballte Kraft wird es so oder so darstellen. Deutsche Buchhändler lassen bereits verlauten, sie würden keine Bücher von Amazon ins Sortiment nehmen.

Was will Amazon?

Amazon will nur eines: unser Bestes. Und das sind unsere Daten. Die Daten aus dem Handel mit Büchern sind schon da. Jetzt sollen die Daten aus der Buchproduktion hinzukommen. Aus Daten werden Bücher und aus denen werden wieder Daten. So entsteht Marktmacht aus dem Marketing: Bücher von morgen aus den Verkäufen von heute. Und das unmittelbar, buchstäblich – «gläserne Kunden», «gläserne Leser» und «gläserne Bücher».

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