Anders Nilsens Philosophie aus der Vogelperspektive

15 Jahre lang arbeitete Anders Nilsen an der Graphic Novel «Grosse Fragen». Auf 600 Seiten zeichnet er die philosophischen Dispute einer Vogelschar, deren Leben durch die Explosion einer Bombe durcheinander gebracht wurde. Damit reflektiert er auf eigenwillige Weise existenzielle Grundfragen.

Auf einer schwarz-weiss Zeichnung steht ein kleiner weisser Vogel im Dunklen vor einem grossen Hügel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Vögel erleben den Einbruch des Unerklärlichen in ihre kleine Welt – und stellen sich Fragen nach dem Sein. PD

Die Kulisse: Ein Niemandsland, bewohnt von einer philosophierenden Vogelschar, einem geistig behinderten Jungen, dessen Oma stirbt, als ein Bomberpilot in ihre Hütte abstürzt, einer fiesen Krähenbande und einer sterbenden weisen Schlange.

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Buchtipp

Anders Nilsen, Grosse Fragen, Atrium Verlag, 2012.

Parabel auf die menschliche Sinnsuche

Eines Tages fällt eine Bombe aus einem riesigen Blechvogel – die Finken halten sie für ein Ei, das es auszubrüten gilt. Ihre plötzliche Explosion reisst viele Vögel in den Tod. Das wiederum stürzt viele Überlebende in eine existenzielle Krise, und sie stellen sich immer mehr Fragen: nach Schicksal und Freundschaft, nach dem Sinn von Leben und Tod, nach der Beschaffenheit des Kosmos – und all die anderen Fragen, die man sich als denkendes Wesen so stellt.

Diese Finken sind eine Parabel auf unsere Sinnsuche. Das könnte platt sein, doch Anders Nilsen spielt gekonnt mit der Fallhöhe zwischen den grossen Fragen der Vögel und ihrer grossen Einfalt. Das verleiht «Grosse Fragen» eine düster grundierte ironische Atmosphäre.

Strichvögel vor realistischem Hintergrund

Ein Vogel schlüpft in eine scheinbar heile Welt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ausschnitt aus dem Buch-Cover der Graphic Novel «Grosse Fragen». Atrium Verlag

Fünfzehn Jahre lang arbeitete der amerikanische Comicautor Anders Nilsen an «Grosse Fragen». Als er 1996 begann, war er ein 22jähriger Kunststudent. Als er es 2011 abschloss, war er 37 Jahre alt. Der lange Entstehungsprozess ist sichtbar: Die ersten Seiten sind rudimentär, Strichvögel in einer mit wenigen Linien angedeuteten Umgebung. Im Lauf der Seiten bleiben die Vögel einfach gezeichnet, doch die Hintergründe, andere Tiere und Menschen werden immer realistischer.

Inhaltlich bleibt «Grosse Fragen» erstaunlich konsistent: Nilsen verliert seine Fragestellung nie aus dem Blick. Die grossen Fragen kleiner Wesen, auf welche diese nur kleine Antworten haben, Plattitüden, Klischees, Gezwitscher. Wer also die im Buchtitel implizierten «Grossen Antworten» erhofft, wird enttäuscht. Anders Nilsen interessieren allein die Fragen und was die Vögel in ihrer Beschränktheit daraus machen: Um die Auswirkung von Bombenexplosion und Flugzeugabsturz auf ihre Existenzen zu begreifen, konstruieren sie haarsträubende Erklärungen und Schöpfungsmythen.

Das Leben geht weiter

Rezension von Christian Gasser

2:40 min, aus Kultur kompakt vom 18.12.2012

«Grosse Fragen» ist keine einfache Lektüre. Vermutlich hätten ein paar Kürzungen dem Werk mehr Stringenz verliehen. Wer sich aber auf Anders Nilsens mehrfach gebrochene und gespiegelte und ins Surreale abdriftende Reflektion philosophischer Grundfragen einlässt, wird reich belohnt.

Nur etwas erhalten wir nicht: Eine Antwort, eine Auf- oder gar eine Erlösung. Nach knapp 600 Seiten ist «Grosse Fragen» plötzlich zu Ende, einfach so. Das Leben geht weiter, die Fragen bleiben.