Drei Debütanten für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert

Die Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse ist bekannt: 15 deutschsprachige Autoren sind in drei Kategorien nominiert. Für den Belletristik-Preis gehen gar drei Erstlingsromane ins Rennen, jedoch kein Schweizer Werk. Preisverleihung ist zum Start der 10. Leipziger Buchmesse am 13. März.

Viele Menschen an der Leipziger Buchmesse in einer Halle. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hier wird im März der Gewinner bekanntgegeben: die Leipziger Buchmesse. Leipziger Buchmesse

Heute wurden die Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse publik. Je fünf Titel in den Bereichen Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung. Während man im letzten Jahr eigentlich schon ahnte, dass David Wagner mit seinem Roman «Leben» das Rennen machen würde, spiegelt heuer die Auswahl der Jury eine breite Palette an Autorinnen und Autoren, an Inhalten und auch an formalen Zugängen zu den Stoffen wider.

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Preis der Leipziger Buchmesse

Der Preis ist pro Kategorie mit 15'000 Euro dotiert. Eine siebenköpfige Jury unter der Leitung von Journalist und Literaturkritiker Hubert Winkels traf die Auswahl – die Gewinner werden zum Start der Buchmesse am 13. März bekannt. 136 Verlage hatten insgesamt 410 Titel eingereicht

Ein Autor, der Fakten ignoriert

Darunter sind drei Debüt-Romane – und als Gegengewicht ein Grosser der deutschsprachigen Literatur: Büchner-Preisträger Martin Mosebach, der im deutschen Feuilleton durchaus umstritten ist. Weniger was seine literarische Begabung betrifft, sondern vielmehr seine Positionen. Kein Wunder, hat ausgerechnet sein Roman «Das Blutbuchenfest» Ende Januar im deutschen Feuilleton eine Realismus-Debatte ausgelöst.

Mosebachs Roman handelt von einer bosnischen Putzfrau in Frankfurt zu Zeiten des Bosnien-Kriegs, also 1990/91 – und es kommen Handys und Laptops darin vor, die es zu jener Zeit noch gar nicht gab! Darf ein Autor diese Fakten ignorieren und in seine Fiktion übernehmen? Die FAZ hatte als Antwort ein philosophisches Bonmot parat: Mosebachs Roman sei «ein richtiges Erzählen im falschen Schreiben»…

Spurensuche nach der Familiengeschichte

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Leipziger Buchmesse

Vom 13. bis 16. März findet die Leipziger Buchmesse statt. Der diesjährige Schwerpunkt ist der Schweizer Literaturszene gewidmet: Auf der Website Auftritt Schweiz präsentiert der Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband SBVV eine umfassende Übersicht zu Veranstaltungen und Projekten.

In der diesjährigen Shortlist fallen zwei Debüt-Romane auf, die stark von der Nazi-Zeit geprägt sind und sich mit der Spurensuche nach der eigenen Familiengeschichte beschäftigen – allerdings von zwei ganz unterschiedlichen Seiten. Im einen Fall geht der Autor Per Leo in seinem Roman «Flut und Boden» auf die Spurensuche nach seinem Vater, der SS-Mitglied war. Im anderen Fall reist die letztjährige Gewinnerin des Bachmann-Preises, Katja Petrowskaja, in «Vielleicht Esther» an die Schauplätze ihrer Familiengeschichte (Polen und Ukraine) zurück und recherchiert, welche Spuren von ihren Vorfahren dort noch zu finden sind.

Der dritte Debütant ist Fabian Hirschmann mit seinem Roman «Am Ende schmeissen wir mit Gold». Hirschmann ist zwar ein junger Einsteiger, dürfte aber mit dem Literaturbetrieb recht vertraut sein, denn er hat literarisches Schreiben in Hildesheim und in Leipzig studiert.

Deutsch-deutsche Geschichte

Der generelle Trend bei den Neuerscheinungen ist derzeit die literarische Verarbeitung deutsch-deutscher Geschichte, also die Beschäftigung mit dem Osten oder der DDR. Der Roman «Vor dem Fest» von Saša Stanišić spielt zwar im Osten Deutschlands – aber im Grossen und Ganzen hat sich die Jury offenbar von diesem Trend nicht beirren lassen. In der Kategorie Literatur nicht, aber genauso wenig beim Sachbuch, denn auch hier dominieren andere Themen – und auch hier deckt die Jury mit ihrer Wahl eine sehr breite Palette ab.

Neben Büchern zu Popmusik, Fotografie und Mode steht auf der einen Seite beispielsweise ein Sachbuch über Max Weber, der im April seinen 150. Geburtstag feiert, von Jürgen Kaube. Auf der anderen Seite steht Roger Willemsen mit seinem Bericht über den deutschen Bundestag, den er ein Jahr lang nicht als Abgeordneter, sondern als ganz normaler Zuhörer auf der Besuchertribüne besucht hat. Seine Beobachtungen und Eindrücke liegen in diesem Frühjahr in Buchform vor.

Fazit: Eine breite, ausgewogene, vielseitige Wahl. Und doch: kein Schweizer, kein Erster Weltkrieg und nur ein Buch, das im Osten Deutschlands angesiedelt ist.

Alle Nominierten im Überblick:

Kategorie Belletristik

  • Fabian Hischmann: «Am Ende schmeißen wir mit Gold» (Berlin Verlag)
  • Per Leo: «Flut und Boden: Roman einer Familie» (Klett-Cotta)
  • Martin Mosebach: «Das Blutbuchenfest» (Carl Hanser Verlag)
  • Katja Petrowskaja: «Vielleicht Esther» (Suhrkamp Verlag)
  • Saša Stanišić: «Vor dem Fest» (Luchterhand Literaturverlag)

Kategorie Sachbuch/Essayistik

  • Diedrich Diederichsen: «Über Pop-Musik» (Kiepenheuer&Witsch)
  • Jürgen Kaube: «Max Weber: Ein Leben zwischen den Epochen» (Rowohlt Berlin)
  • Helmut Lethen: «Der Schatten des Fotografen» (Rowohlt Berlin)
  • Barbara Vinken: «Angezogen: Das Geheimnis der Mode» (Klett-Cotta)
  • Roger Willemsen: «Das Hohe Haus: Ein Jahr im Parlament» (S. Fischer)

Kategorie Übersetzung

  • Paul Berf: «Spielen», aus dem Norwegischen, von Karl Ove Knausgård (Luchterhand Literaturverlag)
  • Robin Detje: «Europe Central», aus dem amerikanischen Englisch, von William T. Vollmann (Suhrkamp Verlag)
  • Ursula Gräfe: «Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki», aus dem Japanischen von Haruki Murakami (Dumont Buchverlag)
  • Hinrich Schmidt-Henkel: «Jacques der Fatalist und sein Herr» aus dem Französischen, von Denis Diderot (Matthes & Seitz Berlin)
  • Ernest Wichner: «Buch des Flüsterns», aus dem Rumänischen, von Varujan Vosganian (Paul Zsolnay Verlag)