Arno Camenisch: «Meine Figuren sind keine Siebesieche»

Nach 31 Ehejahren kennen sie sich in- und auswendig. Wenn sie miteinander reden, reden sie vor allem aneinander vorbei. Während sie von einer grossen Reise träumt, schneidet er Todesanzeigen aus. In Arno Camenischs neuem Roman «Die Kur» geht es um Sehnsüchte, Ängste und den Tod.

Schwarz-Weiss-Bild: Arno Camenisch sitzt auf einem Mäuerchen mit gespreitzten Beinen und Zigarette in der Hand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Arno Camenisch wäre gerne Fussballer geworden. Stattdessen dribbelt er heute mit Worten. Janosch Abel

Wie geht es Ihnen, Arno Camenisch?

Arno Camenisch: Es geht mir gut. Es ist ein guter Tag und ich bin gut aufgestanden.

Zusatzinhalt überspringen

Ansichten: Schweizer Literatur

Ansichten: Schweizer Literatur

SRF / LUKAS MAEDER

Mehr zu lesen, hören und sehen über Arno Camenisch gibt's auf unserer Literaturplattform «Ansichten».

Fragen Sie Ihre Figuren manchmal auch, wie es ihnen geht?

Ja, ich will wissen, was sie beschäftigt und umtreibt.

Antworten sie Ihnen?

Ja, wobei sie gegen Abend gesprächiger sind – genau wie ich. Sie wollen auch nicht ins Bett gehen.

Und sie lassen Sie nachts nicht schlafen?

Das ist eine Schriftstellerkrankheit. Es gibt fast keine Schriftsteller, die gut schlafen. Unsere Arbeit beschäftigt uns 24 Stunden. Es ist schwierig, loszulassen.

Das Ehepaar in Ihrem neuen Buch ist frisch pensioniert und hat in einer Tombola den ersten Preis gewonnen: vier Tage in einem Fünf­ster­ne­ho­tel. Sie sind 37, was interessiert Sie am Leben von Pensionierten?

Schon 37! Mich interessiert die Schwelle. Man arbeitet ein ganzes Leben und plötzlich hat man so viel Zeit zur Verfügung. Ausserdem gibt es immer mehr Pensionierte. Als Schriftsteller beschäftige ich mich mit der Gesellschaft – die interessiert mich sehr. In jedem meiner Bücher gibt es solche Themen. Immer wieder geht es auch um das Ende, den Tod. In diesem Buch ganz besonders.

Zusatzinhalt überspringen

Buchhinweis

Arno Camenisch: «Die Kur», Engeler Verlag, 2015.

Was interessiert Sie am Tod?

Der Tod ist ein Mysterium, das mich magisch anzieht. Interessant ist, was man nicht versteht. Ich erlebe den Tod als etwas sehr Wuchtiges. Er hat eine extreme Kraft.

Sie schicken zwei Figuren in eine ihnen ungewohnte Umgebung: Ein pensionierter Schulhausabwart und eine ehemalige Dorfladenverkäuferin logieren im Grandhotel. Und wie all Ihre Bücher spielt die Geschichte in den Bündner Bergen. Wann kommt endlich ein Stadtroman von Arno Camenisch, der so gerne in Städten lebt?

Ja, Arno Camenisch ist sehr gerne in Städten. Dieses Buch spielt im Engadin. Aber der Schauplatz selbst spielt keine grosse Rolle. Mich hat der Kontrast interessiert. Wo die Figuren herkommen und wo sie landen. Ich will auch wissen, wie die Menschen miteinander umgehen, was sie beschäftigt. Ich mag Figuren, die eigen sind, eckig, widersprüchlich und verletztlich. Meine Figuren sind keine «Siebesieche», sie scheitern gerne. Egal, ob sie im bündnerischen Tavanasa oder in New York leben.

«Die Kur» ist eigentlich ein Zweipersonentheaterstück. Sie schreiben viel in der direkten Rede. Werden Sie immer mehr zum Dramatiker?

Ich schreibe immer noch Romane, aber ich kann mir «Die Kur» gut auf der Bühne vorstellen, sie liesse sich gut inszenieren. Ich glaube, ein Text sucht und findet seine beste Form – und dieser Text hat eine solche Form verlangt. Alles was ich entscheide beim Schreiben, passiert aus einem Gefühl heraus. Ich bin ein extremer Gefühlsmensch. Das Gefühl sagt mir, ob es so stimmt oder nicht.

Sie bedienen sich einer einfachen Sprache, die Sätze der Figuren sind dialektal gefärbt. Sie sagen etwa: «Auf dem Sofa schlafe ich denn nicht, gäll» oder «da haben wir die Blamasch» und eine Frau ist eine «blöde Babe». Aber im Vergleich zu früheren Büchern brauchen Sie nur noch ganz wenige Mundartausdrücke. Verändert sich Ihr Stil allmählich?

Ich glaube schon, denn ich will mit jedem Buch einen kleinen Schritt weiterkommen. Der Stil verändert sich, die Thematik ändert sich. Aber manchmal kommt auch der Fussballer in mir hervor: der Dribbler. Der Ball ist die Sprache und dann muss es genau dieses eine Wort sein. Ich mache einen Haken, dann geht es durch einen Tunnel, dann kommt die Flanke.

Es gibt in Ihrem Roman eine Figur, die nur am Rande auftaucht: «Hast du gesehen, als er seine Kappe runtergenommen hat. Eine Frisur wie ein Heuhaufen, du meine Güte.» Das sind Sie. Da tauchen Sie kurz in einer Szene auf, wie Hitchcock in seinen Filmen.

Das liebe ich an Hitchcock. Auch ich tauche in meinen Büchern irgendwo «en passant» auf. Es ist einerseits eine kleine Spielerei, aber ich bin ja auch Teil dieser Welt. Und es zeigt die Nähe, die ich suche zu meinen Figuren.

Sendung zu diesem Artikel