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Literatur Aus Mode wird zu schnell Müll

Heike Holdinghausen spinnt in ihrem neuen Sachbuch «Dreimal anziehen, weg damit» die Hintergründe der Kleiderindustrie zu einem Garn. Wir sollen uns bewusst sein, was der wirkliche Preis unserer Kleidung ist. Es sei Zeit für den Durchbruch der Ökomarken, sagt sie.

Gestreiftes Hemd vor Wänden mit Graffiti
Legende: Der Schnee von gestern – weg damit! IMAGO

Das Sachbuch «Dreimal anziehen, weg damit» ist das Resultat einer umfangreichen, fakten- und zahlenstarken Recherche. Mit der aufwändigen Recherche hat Heike Holdinghausen Erfahrung: Es ist bereits ihr drittes Buch, das sie zusammen mit Armin Reller herausbringt.

Genau Hinschauen beim Kleiderkonsum

Bereits in ihrem ersten Buch «Wir konsumieren uns zu Tode» untersuchten die beiden Autoren die Umwelt-Auswirkungen bei der Produktion unserer Alltagsgegenstände. Im darauffolgenden «Der geschenkte Planet» zeigten sie die Energieversorgung der Zukunft auf. Nun folgt mit «Dreimal anziehen, weg damit» also die Recherche über die verwobenen Hintergründe der Textilbranche.

Das Thema scheint auf den ersten Blick ein alter Hut zu sein: Etliche Dokumentarfilme, Reportagen und Nachrichten haben sich mit dem Thema befasst. Aber Holdinghausen schaut genau hin und will, dass wir ebenso genau hinschauen. Sie hat das ganze Spektrum des Themas im Auge und das reicht von unserem Kleiderkonsum, von den Zuständen in der Produktion über das Kleider-Recycling und die Haltung der Nutztiere bis hin zur Ökobranche. Alles faktenstark untermauert, zahlenverliebt: Millionen hier, Milliarden dort.

Kleine Kostprobe:

  • Über eine Milliarde noch tragbare Kleidungsstücke werfen die Deutschen pro Jahr weg.
  • Das Gesamtvolumen des Markts für Bekleidung liegt in der Schweiz bei 10,8 Milliarden Franken.
  • Zwei Prozent der weltweiten Ackerfläche wird für die Bepflanzung von Baumwolle gebraucht und ein Viertel aller in der Landwirtschaft eingesetzten Insektengifte.

Soviel an Zahlenmaterial ist vorhanden, irgendwann werden sie alle relativ. Die Grössenordnungen, die am Anfang beim Lesen noch schockieren, verlieren auf Dauer ihre Wirkung.

Das Sachbuch arbeitet sich von den bekannten aber dennoch schockierenden Tatsachen der Kleiderindustrie hin zum Ökokleidermarkt. Es sei höchste Zeit für den Durchbruch der Ökomarken. Aber: «Öko ist nicht gleich öko». Und «Bio» ist nicht bio. Denn das Biosiegel ist nicht geschützt. So kann ein T-Shirt trotzdem das Biosiegel tragen, selbst wenn bei seiner Herstellung giftige Chemikalien verwendet wurden. Der Hersteller das Kleidungsstück muss es nur oft genug waschen, damit für den Käufer keine Gefahr darstellt. Dann kann es als bio durchgehen.

Kleiderberg, gepresst, gestapelt
Legende: In der Schweiz werden jährlich fast 11 Milliarden Franken mit Kleidung umgesetzt. Keystone

Gesellschaftliche Frage ausgelassen

Man erhofft sich vom Buch eine Antwort auf die Frage: Wieso haben wir ein derart verschwenderisches Kleiderverhalten? Warum ist es uns so wichtig, immer das Neueste zu tragen? Unser Verhalten schafft erst die Bedingungen für diese Industrie, dieser Aspekt wird im Vergleich zu anderen Themen spärlich ausgeführt.

Eigentlich haben die Menschen genug Kleidung und brauchen keine neue. Eigentlich. Darum rufen Hersteller und Händler alle paar Monate einen neuen Trend aus. Das funktioniert. Die Leute brauchen plötzlich diese neuen «Must-haves» und entsorgen die «alten» Kleidungsstücke, die sie vermutlich nur dreimal getragen haben. Wenn man bedenkt, dass nicht nur der Hersteller, sondern auch die Gesellschaft ein wichtiger Akteur im Kaufverhalten ist, kratzt diese Begründung nur an der Oberfläche.

Die Gewohnheiten bleiben

«Dreimal anziehen, weg damit» hat einen mahnenden und appellierenden Ton, wobei sich die Autorin nicht aus der Konsumgesellschaft ausschliesst. Sie zeigt zum Schluss in einem praxisnahen Kapitel, wie ein Shoppingtag mit gutem Gewissen aussehen könnte. Im fünfseitigen Anhang listet sie Onlineshops und Läden in verschiedenen Städten auf, die auf Biokleidung setzen.

Das Buch wird das Kaufverhalten des Lesers nicht revolutionieren – denn Heike Holdinghausen weiss selbst: «Konsumgewohnheiten umzustellen ist mindestens so schwer wie Essgewohnheiten – und wenn die Schokolade noch auf dem Tisch liegt, dann wird sie eben gegessen.»

Aber immerhin: 2013 lag der Umsatz mit Textilien, die das Fairtrade-Siegel tragen, in Deutschland bei 53 Milliarden.

Buchhinweis

  • Heike Holdinghausen: «Dreimal anziehen, weg damit», Frankfurt 2015

  • Heike Holdinghausen, Armin Reller: «Der geschenkte Planet», Frankfurt 2014

  • Heike Holdinghausen, Armin Reller: «Wir konsumieren uns zu Tode», Frankfurt 2013

1 Kommentar

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  • Kommentar von M. Bolder, Muhen
    Ein Umstieg auf BIO allein ist nicht die Lösung. Das Kaufverhalten muss sich grundlegend ändern. BIO bedeutet nämlich oft, dass in einer nicht mehr nachhaltig genutzten Welt über die bereits bestehenden Anbauflächen hinaus neue erschlossen werden, die nach biologischen Richtlinien bewirtschaftet werden. Damit steigt die benötigte Anbaufläche insgesamt. Dasselbe gilt leider auch beim Fischfang (MSC- und ASC-Label). BIO ist gut, eine (markante) Konsumreduktion ist besser und dringend notwendig!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten