Böse Comics vom Kap der guten Hoffnung

Zwei weisse Südafrikaner rechnen schonungslos mit der Apartheid und ihren Folgen ab: Seit 1992 reflektieren Anton Kannemeyer und Conrad Botes in der Comic-Zeitschrift «Bitterkomix» ihre eigene Geschichte und Kultur. Sie bohren in den Wunden der Regenbogennation.

«Eigentlich wollte ich Abenteuercomics zeichnen», sagt Anton Kannemeyer. «Nie hätte ich mir vorgestellt, politische Comics zu machen. Ich fand Politik sterbenslangweilig.» – «Und dann», fällt ihm Conrad Botes ins Wort, «zeichneten wir 1988 unsere ersten Comics – natürlich setzten sie sich mit einer konkreten Bedrohung für uns auseinander: mit der Wehrpflicht.» – «Als Soldaten wären wir nach Soweto geschickt worden und hätten auf die aufständischen schwarzen Südafrikaner schiessen müssen.» – «Das war ausgeschlossen.»

Repressiv und verklemmt

1988 studierten die damals rund 20-jährigen Conrad Botes und Anton Kannemeyer an der Kunsthochschule von Stellenbosch bei Kapstadt. In Südafrika herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. Nach und nach merkten auch junge weisse Südafrikaner trotz Zensur und Repression, was in ihrem Land geschah.

1992, zwei Jahre nach der Freilassung Nelson Mandelas und zwei Jahre vor dem Wahlsieg von Mandelas «African National Congress» (ANC), veröffentlichten sie die erste Ausgabe ihrer Zeitschrift «Bitterkomix». «Bitterkomix», so Kannemeyer heute, «war unsere Reaktion nicht nur auf die Apartheid, sondern allgemein auf die repressive und verklemmte christlich-nationale Kultur der Afrikaander und ihre Tabus wie Sex, Rassismus, Homophobie, Frauenfeindlichkeit» – «Dieses Bedürfnis, unsere Kultur anzugreifen», ergänzt Botes, «war die natürliche Folge unserer Erfahrungen als weisse, männliche, Afrikaans sprechende Südafrikaner.»

Tim und Struppi am Blood River

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Buchhinweise

Anton Kannemeyer, Conrad Botes: «Bitterkomix» (französische Anthologie). L'Association, 2009.

Anton Kannemeyer: «Papa in Afrika». Avant Verlag, 2014.

Anton Kannemeyer (alias Joe Dog) und Conrad Botes (alias Konradski) sind zwei sehr unterschiedliche Autoren und Zeichner. Kannemeyer greift auf die klare und unschuldig wirkende Bildsprache aus «Tim und Struppi» zurück, um Fragen wie Rassismus, Vorurteile, Stereotypen, Darstellung und Wahrnehmung zu reflektieren.

Im Gegensatz dazu sind Botes Arbeiten rauer, expressiver und emotionaler. Besonders gern setzt er sich mit den Gründungsmythen der Afrikaander, der Afrikaans sprechenden Weissen, auseinander. «Historische Ereignisse», sagt er, «haben ihre Psychologie geprägt. Ich möchte aber verstehen, was wirklich geschah.» Im Comic «Blood River» etwa, seiner Interpretation der legendären Schlacht vom Februar 1838, bei der die Afrikaander über 3000 Schwarze töteten und selber gerade mal drei Verletzte zu beklagen hatten. «Ereignisse wie diese führten zur Überzeugung, wir seien ein von Gott auserwähltes Volk und hätten deshalb das Recht, andere Völker zu unterdrücken.»

Explosive Provokationen

«Bitterkomix» schlug ein wie eine Bombe. Kannemeyer und Botes machten sich bei vielen Afrikaandern verhasst, die die Apartheid und ihre eigene Mitschuld am liebsten möglichst rasch verdrängt hätten. Wiederholt gab es Probleme mit den Zensurbehörden – ironischerweise auch unter der ANC-Regierung.

Auch aus unserer zeitlichen und räumlichen Distanz ist die provokative Explosivität der Comics nachvollziehbar: Kannemeyer und Botes begnügen sich nie mit der klassischen Satire, die aus besserwisserischer Distanz anprangert. Sie stecken mittendrin in ihrer Kultur und ihren Comics. Viele ihrer Geschichten sind autobiografisch geprägt – Geschichten von häuslicher Gewalt und von Inzest, von paramilitärischem und religiösem Drill in der Schule, von Indoktrination und Prügelstrafen, von Ignoranz und Heuchelei und einer völlig verkorksten Sexualität.

Angst vor der schwarzen Gefahr, Angst vor der roten Gefahr

Jahrzehntelang hatte die Apartheid Nicht-Weisse unterdrückt. Der ideologische Überbau der Rassentrennung durchdrang aber auch das Leben der Afrikaander: Regierung, Kirche und Schule malten das Bild einer von inneren und äusseren Feinden bedrohten Heimat und bekämpften mit calvinistischer Strenge Mode, Popmusik und Sittenverfall.

«Das ideologische Ziel unserer Erziehung war offensichtlich», sagt Kannemeyer: «Man wollten uns Angst einflössen. Angst vor der schwarzen Gefahr, Angst vor der roten Gefahr, Angst vor der Sexualität und so weiter. Die Aussage war klar: Es ist fremd, deshalb müssen wir uns davor beschützen.»

Die Nachwirkungen der Apartheid

Bis heute verarbeiten Kannemeyer und Botes ihr Aufwachsen zwischen Privilegien und Repression. Nicht nur in Comics, auch in Gemälden, Skulpturen und Karikaturen. Sie setzen sich mit der Schuld ihrer Eltern und ihrer eigenen Passivität als Jugendliche auseinander und reflektieren ihre Identität als weisse Südafrikaner im heutigen Südafrika, der sogenannten Regenbogennation.

Heute sind sie erfolgreiche Künstler und anerkannte Vertreter einer neuen, selbstkritischen Afrikaander-Kultur. Ihre Themen sind von unverminderter Aktualität – noch gibt es viel aufzuarbeiten. Ihre Comics machen indes auf beklemmende Weise deutlich, dass die Apartheid längst nicht überwunden ist.

«Es war eine düstere Zeit, beherrscht von einem bleiernen Geist», sagt Botes zum Abschluss des Gesprächs, «ich wollte eigentlich nur eines: fliehen». Anton Kannemeyer nickt: «Viele unserer Comics waren kathartisch.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 24.11.2014, 7.15 Uhr