Das Buch ist eigentlich ein Büchlein, mit rund 100 Seiten im Kleinformat. Aber bei der Lektüre von «Auf dem Hochseil. Die Kunst der Hingabe» tut sich eine für die meisten absolut unbekannte, grosse Welt auf, mit einer besonderen Lebensphilosophie.
Der Hochseilartist Philippe Petit erzählt etwa von der Technik und Wissenschaft, die mit seiner Kunst verbunden ist. Unter anderem geht es um die Art des Seils – als Laie glaubt man fast gar nicht, wie viele verschiedene Arten es gibt: Es geht um die Montage des Seils, verschiedene Gangarten, Übungen, Training, Proben und Auftritte.
Schon hier erfährt man Faszinierendes. Zum Beispiel, wie Petit ein geeignetes Stahlseil vom Schmierfett entfettet: «Am besten breitet man dazu das Seil in einer Ecke des Gartens aus und lässt es dort mehrere Jahre liegen. Sind einige Jahre vergangen, stöbert man im Gras nach dem ‹alten› Seil, zieht es hervor und verjüngt es, indem man es durch Benzin zieht und mit Schmirgelpapier abreibt, bis es sauber und grau ist. Dann eignet es sich hervorragend.»
Andererseits – neben vielen technischen Ausführungen – erklärt Philippe Petit auch die Philosophie hinter seiner Kunst. Das macht das Buch so lesenswert. Der US-amerikanische Autor Paul Auster schwärmt in seinem Vorwort von der Lektüre und meint, der Tanz auf dem Drahtseil sei «keine Kunst des Todes, sondern eine Kunst des Lebens, das bis zur Gänze ausgeschöpft wird». Philippe Petit nehme dieses Leben in die Hand und koste es «in all seiner berauschenden Unmittelbarkeit und Herrlichkeit bis zum Letzten aus».
Seiltanz-Ideen fürs Leben
Bevor das möglich ist, geht es allerdings um harte Arbeit und die Disziplinierung von Körper und Geist. Es sei ein langer Weg zur Perfektion, sagt Petit. Zu den Prinzipien dafür gehöre unter anderem die Zielgerichtetheit: Man müsse in gleichmässiger Geschwindigkeit über das Seil gehen. «Hat man zuvor den Blick auf das Stück Seil einige Meter vor sich gerichtet, muss man nun den Blick so schnell wie möglich auf das Ende des Seils heften. Diese Verbundenheit mit dem Ziel ist unabdingbar, man wird ihr mehr als einmal das Leben verdanken.»
Solche Prinzipien kann man auch auf das eigene Leben anwenden. Immer wieder richtet sich Philippe Petit denn auch direkt an seine Leserschaft, jedoch stets mit Bezug auf die Kunst des Hochseilakts. Die Denkarbeit, wie man seine Philosophie auf das eigene Leben übertragen kann, muss man also selbst leisten.
Ist Glück erreichbar?
Letztendlich geht es wiederholt um den Fokus auf den Moment. Die Fähigkeit, sich ihm hinzugeben und alles andere in den Hintergrund treten zu lassen. Es geht um die Bemühung, etwas möglichst gut zu machen, um die Suche nach Vollkommenheit, die in einem – wenn auch ganz kurzen – Glückszustand endet.
Philippe Petit schreibt klar und präzise, technisch genaue Beschreibungen wechseln sich ab mit poetischen Vergleichen und spirituellen Gedanken. Die letzteren sind nicht immer einfach nachzuvollziehen. In jedem Fall lohnt es sich aber, darüber nachzudenken.
Einen zentralen Satz kann man beim Lesen sofort verstehen: «Grenzen existieren nur in der Seele derer, die keine Träume haben.»