Charles Jacksons «Lost Weekend» ist ein grossartiger Rausch

Die Geschichte über einen Trinker in New York war kurz berühmt, dann schnell wieder vergessen. Nur Billy Wilders preisgekrönte Verfilmung ist heute noch ein Begriff. Jetzt ist «Das verlorene Wochenende» aus dem Jahr 1944 neu erschienen. Eine lesenswerte Story zwischen Wahn und Illusion.

Nahaufnahme des Schriftstellers, der rauchend vor einem Bücherregal steht. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Charles Jackson weiss, wovon er schreibt: Die Geschichte des trinkenden Schriftstellers ist seine eigene. Jackson Family Collection

«Das Barometer seiner Gefühlsnatur zeigte eine Unwetterperiode an.» So geht es los. Mit Tempo und mit einem wirklich guten, gelungenen Satz. Charles Jackson beginnt so den Roman über das kurze, lange Wochenende eines Trinkers in Manhattan, im Oktober 1936.

Fünf Tage im Oktober, fünf Tage im Rausch. Fünf Tage in der Wohnung an der East Side, auf der Strasse und in den Bars der Stadt. Für Don Birnam ist der Punkt erreicht, an dem «ein Drink zu viel ist und hundert nicht genügen». Birnam ist Schriftsteller und er ist abhängig von Tabletten und Alkohol.

Berühmt und vergessen

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Buchhinweis

Charles Jackson: «Das verlorene Wochenende», Dörlemann Verlag, 2014

Sein Autor weiss, wovon er schreibt: Don Birnam ist Charles Jackson. Das Buch ist auch ein Selbstporträt seines Autors. Es wurde berühmt und wieder vergessen.

Berühmtheit erlangte es durch einen Hollywood-Film von 1945, der seinem Regisseur Billy Wilder und Hauptdarsteller Ray Milland je einen von insgesamt vier Oscars einbrachte.

Vergessen wurde es, als sich kein weiterer Erfolg einstellte als dieser erste Roman: das Buch über einen Süchtigen, der es ist, als der Text beginnt und der es bleiben wird bis zum Ende.

Nüchtern ist Birnam eigentlich nie. Er trinkt und wenn nicht, versucht er, Geld für den nächsten Drink zu beschaffen. Ein Diebstahl scheitert genauso wie der letzte Versuch, seine Schreibmaschine, seine Remington portable, zu verkaufen. Whiskey ist die Droge der Wahl und «Im Glas» der Titel des Romans, an dem Don Birnam immer wieder vergeblich schreibt.

Eine amerikanische Geschichte

Absturz, Einlieferung in die Klinik, Rückkehr nach Hause, das ist der geschlossene Kreislauf des Romans. Dazwischen Erinnerungsfetzen, Fantasien, Wahnvorstellungen und Momente von grosser Klarheit und Einsicht.

Man hat «Lost Weekend» mit «Unter dem Vulkan» verglichen, Malcolm Lowrys berühmter Chronik eines Trinkers, die John Huston verfilmt hat.

Jackson gehört in eine Reihe mit Richard Yates und John Cheever. Es ist eine sehr amerikanische Geschichte, eine Story zwischen Wahn und Illusion, die dieser Roman erzählt.

Dabei bringt Jackson viele literarische Verweise in seinen Text. Anspielungen auf Thomas Manns Zauberberg oder F. Scott Fitzgerald, der direkt zitiert wird. Der Titel «Lost Weekend» wird selbst prägend: Er steht seitdem für eine Auszeit unter Drogen, auch wenn sie länger als ein Wochenende dauert.

Birnams Wald

Nach einer Tuberkuloseerkrankung, die Jackson mehrmals ins Sanatorium nach Davos geführt hatte, beginnt die Alkohol- und Tablettensucht, von der er nicht mehr loskommt. Die späteren Bücher werden allesamt kein Erfolg mehr. Nur «Lost Weekend» habe er nüchtern geschrieben, bekannte der bisexuelle Jackson einmal. Unter dem Titel «What happened» sollte Don Birnam zur Hauptfigur einer Trilogie werden, die nie erschien.

Seine letzten Lebensjahre verbringt er im legendären New Yorker «Chelsea Hotel», zusammen mit seinem Lebenspartner Stanley Zednik, bezahlt mit den Vorschüssen seines letzten Verlages «Macmillan».

Don Birnam, der Name seiner Hauptfigur, ist eine Anspielung. In der berühmten Szene Shakespeares bewegt sich der Wald von Birnam, wenn sich Macbeths Ende ankündigt. Charles Jackson beendete sein Leben 1968 mit einer Überdosis Seconal.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 30.09.2014 22:30

    Literaturclub
    Der Literaturclub diskutiert in neuer Besetzung

    30.09.2014 22:30

    Nicola Steiner, Christine Lötscher, Julian Schütt und Philipp Tingler diskutieren im September über Charles Lewinsky: «Kastelau», Charles Jackson: «Das verlorene Wochenende», Dinaw Mengestu: «Unsere Namen», Dave Eggers: «Der Circle» und über Verena Güntner: «Es bringen».