Das Mädchen, das nicht erwachsen werden darf

1976 war sie die Sensation an den Olympischen Spielen: Mit 14 Jahren zog die Rumänin Nadia Comaneci alle in ihren Bann – durch athletische Perfektion und kindlichen Charme. Doch hinter den Kulissen der ungewöhnlichen Karriere sah es nicht so toll aus.

Ein Mädchen im Turndress schwebt im Spagat und mit ausgestreckten Armen in der Luft. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das zierliche Mädchen Nadia Comaneci markierte einen Neuanfang: die Popularität der Kindfrauen im Sport. Keystone

«Was die Kleine gerade vorgeführt hat, wirft jede Abfolge über den Haufen, Zahlen, Wörter, Bilder. Das hier liegt jenseits alles Begreiflichen. Was da soeben passiert ist, kann man überhaupt nicht werten.» So beschreibt Lola Lafon am Anfang ihres Romans die Gedanken der fassungslosen Oberkampfrichterin, die gemeinsam mit ihren Kollegen die Vorführung von Nadia Comaneci am Schwebebalken beurteilen muss. Die Jury ist völlig überfordert, und auch der Computer verliert die Nerven: Die Anzeigetafel im Stadion zeigt lauter Einsen, die schlechteste Note.

Erstmals die Maximalnote

Erst nach Stunden erscheint vor den Augen des konsternierten Publikums hinter der Eins noch eine Null. Die Datenbank war nach der Eingabe der ungewöhnlich hohen Wertungen abgestürzt. «Das Mädchen hat den Computer gekillt», schreibt Lola Lafon. Mit der Maximalnote 10 war bislang noch nie eine Darbietung im Kunstturnen bewertet worden; Nadia Comaneci erzielte sie damals gleich siebenmal. Und schrieb damit in Montreal Sportgeschichte.

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Buchhinweis

Lola Lafon: «Die kleine Kommunistin, die niemals lächelte», Piper Verlag, 2014.

Es war aber nicht nur dieses athletische Ausnahmetalent, das der Rumänin zu Weltruhm verhalf. Sie markierte auch den Anfang eines neuen Trends im Kunstturnen: Fortan war der feenhafte Charme des unschuldigen Mädchens gefragt; weibliche Körper hatten ausgedient.
Auch in anderen Sparten sollte sich das Bild der androgynen Kindfrauen als Massstab durchsetzen: zum Beispiel auf dem Laufsteg der internationalen Modewelt oder im Kino. Nicht zufällig sorgten damals zwei «Lolitas» auf der Leinwand für Furore: Brooke Shields als «Pretty Baby» und Jodie Foster als minderjährige Prostituierte in «Taxi Driver».

In ihrem Roman «Die kleine Kommunistin, die niemals lächelte» leuchtet Lola Lafon hinter die Kulissen der ungewöhnlichen Karriere von Nadia Comaneci. Sie zeigt, welche Strapazen, Entbehrungen und Schmerzen mit dem täglichen Training verbunden waren, und wie stark sich die ehrgeizige Athletin auch selber unter Druck setzte.

Spott und Hohn mit 18 Jahren

Das Klischee vom kommunistischen Staat, der gnadenlos die Vorzeige-Sportlerinnen in den Dienst seiner Propaganda stellt, greift zu kurz. Gleichzeitig macht die Autorin aber auch klar, welche fatalen Folgen das gefragte neue Kindfrau-Image mit sich brachte: Die Sportlerinnen durften nicht mehr erwachsen werden; die Pubertät wurde als Katastrophe empfunden.

Als Nadia Comaneci 1980 in Moskau nochmals an den Olympischen Spielen antrat, erntete sie von der internationalen Presse Spott und Hohn. «Heute ist Nadia 18, trägt einen BH und muss sich die Achseln rasieren», schloss lakonisch der Leitartikel im englischen «Guardian»; und eine andere Zeitung kommentierte bitter: «Das grosse Kind ist zur Frau geworden. Ungeschminktes Urteil: Der Reiz ist verflogen.»

Flucht in die USA

Die Autorin Lola Lafon ist selber in Rumänien aufgewachsen, bevor sie als Jugendliche mit ihrer Familie nach Frankreich auswanderte. Sie kennt also noch die Bedingungen hinter dem Eisernen Vorhang. Dieses Wissen trägt ebenfalls zur Qualität des Romans bei. Man erfährt viel über das geistige Klima unter dem Ceaușescu-Regime, das dann auch Nadia Comaneci zur Flucht bewog. 1989 – kurz vor dem Fall der Mauer – schaffte sie es bei Nacht und Nebel über die Grenze und emigrierte in ihre neue Heimat, die USA. Damit endet die Geschichte im Buch.

Fiktive Begegnungen

Lola Lafons Roman überzeugt durch seine poetische Sprache und die breiten Recherchen. Die Autorin erlaubt sich zudem einen literarischen Trick: Sie suggeriert den Leserinnen und Lesern, dass sie beim Schreiben laufend mit der Sportlerin im Kontakt war: Regelmässig werden E-Mails und Telefongespräche in kursiver Schrift zitiert. Somit entsteht von Nadia Comaneci der Eindruck einer eigenwilligen Persönlichkeit, die einzelne Passagen kritisch kommentiert, manchmal sogar vehement Einspruch erhebt oder spannende Ergänzungen beisteuert.

Erst wer dann nochmals an den Anfang zurückblättert, wird in einem kurzen Vorwort aufgeklärt: «Der Austausch zwischen Erzählerin und Turnerin ist rein fiktiv.» Eine persönliche Begegnung hat also nie stattgefunden. Gemäss Auskunft vom Verlag sei Nadia Comaneci das fertige Buch zugeschickt worden. Reagiert habe Nadia Comaneci darauf allerdings nie.

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