«Das Nest»: Wenn Geschwister nichts mehr gemeinsamen haben

Es ist kompliziert: In ihrem Familienroman schreibt Cynthia D’Aprix Sweeney über Beziehungen zwischen Geschwistern.

Füsse auf einer Strasse. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Seite an Seite durch das Leben gehen: Das wollen viele Geschwister. Immer klappt das nicht. photocase.de / arthurbraunstein

Sie stehen alle mitten im Leben, sind zwischen 40 und 50 Jahre alt. Gemeinsam haben die vier Geschwister der Plumb-Familie jedoch schon lange nichts mehr – ausser finanziellen Problemen.

Leo, der älteste, ist ein Playboy, einst erfolgreicher Journalist, mittlerweile aber auf dem Abstellgleis. Er hat Probleme mit Alkohol und Drogen und steckt in einer teuren Scheidung.

Jack, der jüngere Bruder, hat vor kurzem seinen Lebenspartner geheiratet. Als junger Mann hat er ein sehr ausschweifendes Leben geführt. Mittlerweile hat er ein Antiquitätengeschäft und handelt auch illegal mit Kunstgegenständen. Diese Nebenbeschäftigung hat ihn in grosse finanzielle Schwierigkeiten gebracht.

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Buchhinweis

Sweeney, Cynthia D'Aprix: «Das Nest». Klett-Cotta, 2016.

Zwischen Erfolg und Scheitern

Bea, die ältere der beiden Schwestern, war in jungen Jahren als Autorin sehr erfolgreich, wurde aber mit dem Erwartungsdruck, der folgte, nie fertig. Noch 20 Jahre später versucht sie, an die Leistungen von damals anzuknüpfen. Sie ist irgendwann in ihrem eigenen Leben steckengeblieben. Ihr Partner ist gestorben, eigene Kinder hat sie keine. Als einzige der vier Geschwister ist für Bea Geld nicht so wichtig.

Melody, die jüngste, ist verheiratet und Mutter zweier Teenage-Töchter. Mit viel Liebe hat sie ihr Haus selber renoviert. Nun aber haben sie und ihr Mann finanzielle Schwierigkeiten – einerseits wegen der grossen Hypothek, andererseits wegen der College-Ausbildung ihrer Töchter.

Geschwisterliebe auf dem Prüfstand

Alle – ausser Bea – rechnen mit einem grossen Erbe aus einem Treuhandfonds, den ihr Vater für sie angelegt hat. Dieses Geld soll ihre Probleme lösen. Aber Leo, der älteste, vermasselt alles.

Er verursacht einen Autounfall. Seine junge Geliebte auf dem Beifahrersitz verliert dabei einen Fuss – und seine Mutter zahlt ihr Schmerzensgeld. Aus dem Erbschaftsfonds. Ohne Wissen der anderen drei Geschwister.

Das ersehnte Geld ist weg: «Dass Leo es derartig vermasselt hatte, war erschreckend, aber, da waren die Geschwister sich leider einig, nicht überraschend. Dass sein idiotisches Verhalten ihre abwesende Mutter dazu gebracht hatte, Gebrauch von ihrer Vollmacht zu machen und das Nest quasi auszuräumen, war allerdings ein Schock. Damit hatte nun wirklich keiner von ihnen gerechnet. Es war einfach undenkbar.»

Altbewährtem folgen oder sich auf Neuland begeben?

Wie Cynthia D’Aprix Sweeney von den nun ausbrechenden Konflikten zwischen den Geschwistern erzählt, ist beste Unterhaltung mit Tiefgang. Mit Mitgefühl aber auch einem unfehlbaren Gefühl für Komik begleitet sie die vier Geschwister durch ihren Alltag. Beschreibt, wie sie notgedrungen wieder miteinander sprechen und – wenig überraschend – die alten Verhaltensmuster aus der Kindheit wieder zutage treten: Leo, der Tonangebende, Jack, der vom grossen Bruder in den Hintergrund Gedrängte, Bea, die Vernünftige, Melody, das Nesthäkchen.

Dabei stellt Cynthia D’Aprix Sweeney eine grundsätzliche Frage: Wie weit ist man bereit, ausgetretene Pfade zu verlassen und sich auf Neuland zu begeben? Welche Rolle spielen die Geschwister dabei? Was kann man gewinnen, was verlieren? Wie rauft man sich zusammen, wenn man eigentlich schon lange nichts mehr gemeinsam hat?

Cynthia D’Aprix Sweeneys Antworten auf diese Fragen mögen an der Grenze zum Kitsch sein. Aber allgemeingültig bleibt ihre Beobachtung: Familie kann anstrengend sein, aber eine zu haben, ist trotzdem gut.

Sendung: Radio SRF1 , Buchzeichen, 18.12.2016, 14.06 Uhr.

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