David Foster Wallace lebte zwischen den Extremen

Er war einer dieser Schriftsteller, die zum Mythos werden, noch bevor man ihr Werk richtig kennt: David Foster Wallace, dessen literarische Stimme einzigartig gefeiert wurde – und der sich mit 46 Jahren das Leben nahm. Nun ist erstmals eine Biographie über Wallace auf Deutsch erschienen.

Foster Wallace mit Kopftuch auf einem Sessel Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Leben von David Foster Wallace war geprägt von Extremen, vom Wechsel zwischen Stabilität und Absturz. Getty Images

Begabt und gefährdet: Er war immer beides. Schon als 9-Jähriger soll er einen ersten depressiven Schub erlebt haben. David Foster Wallace wuchs in einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA in einem Lehrer- und Professorenhaushalt auf. Seinem Ehrgeiz, immer der Beste zu sein und den Eltern zu gefallen, stand schon in jungen Jahren ein Empfinden von absoluter Sinnlosigkeit gegenüber.

Der junge Wallace fand Gefallen an Tennis und Marihuana. Seine Studienzeit am College Amherst musste er mehrfach wegen Depressionen unterbrechen.

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Buchhinweis

D.T. Max: «Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte. David Foster Wallace – ein Leben.» Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2014.

Ein neuartiges Schreiben

Von vielen intellektuellen Gebieten fasziniert, entdeckte er in seinen frühen 20ern das literarische Schreiben für sich: möglicherweise der einzige Raum, in dem die ganze Bandbreite seiner Stimmungen und Gedanken Platz fand. In Harvard wunderten sich die ernsthaften Mitstudenten über diesen seltsamen Überflieger, der sich mit demselben intellektuellen Interesse Pornografie und Rap zuwandte wie den klassischen Studieninhalten.

Wallace entwickelte aus Philosophie und Trash, Fernsehslang und Poesie eine eigene authentische Stimme. In seinen Texten kommt jenes krasse, gewalttätige, süchtige Amerika zur Sprache, von dem er erfüllt ist und an dem er selbst kaputtzugehen droht.

Erfolg und Verstörung

Nach der Erfahrung einer Entziehungskur, während der er auch als Wachmann arbeitete, entstand der monumentale Roman «Infinite Jest»: «Unendlicher Spass» wurde 1996 veröffentlicht und machte Wallace berühmt. Der Erfolg trieb allerdings auch manipulative und gewalttätige Seiten in Wallace hervor.

In der Biographie «Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte» beschreibt D.T. Max, wie Wallace sich auch in Machtspielen verlieren und beängstigend für sich und andere sein konnte – gleichzeitig aber auch ein gewissenhafter und engagierter Dozent für seine Studenten und ein grosszügiger Freund gegenüber Süchtigen war, deren Not er kannte.

Es gab Kontinuitäten: die zu seinem treuesten Brieffreund und Kollegen Jonathan Franzen. Oder dann in seiner Ehe mit Karen Green. Wallace, der sich irgendwann nicht mehr damit abfinden wollte, seit Jahrzehnten unter Antidepressiva zu stehen, setzte sein Medikamente ab – das verschlechterte seinen Zustand extrem. Sie hatte ihn an diesem Tag nur kurz allein gelassen, aber fand ihren Mann tot vor: Karen Green sagte nach Wallaces Tod, diese Krankheit sei ein Monster gewesen, das ihn verschlungen hätte.

Respektvolle Annäherung

D.T. Max, der selbst Schriftsteller ist, hat eine sehr genaue, kritische, vor allem aber respektvolle Weise, sich seinem schwierigen Thema zu nähern.

Gesehen hat er Wallace nur ein einziges Mal: auf der Verlagsparty, die aus Anlass des Erscheinens von «Unendlicher Spass» gegeben wurde. «Verblüfft sah ich einen stämmigen Mann mit langen zotteligen Haaren und Stirnband, einem schmuddeligen Hemd, trutschiger Brille und dem Blick eines Rehs, das überall anders lieber wäre, nur nicht hier. »

Max verfolgt den roten Faden der depressiven Phasen minutiös. Er beschreibt die Achterbahn von Wallaces Leben, ohne sich in eigenen Interpretationen zu verlieren. Stattdessen nimmt er eigene Aussagen und Textstellen von Wallace zu Hilfe. Dies vermittelt sich als grosser Respekt vor einem Leben, das vielleicht zu unerträglich war, um weiter gelebt zu werden.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 29.1.2015, 17.06 Uhr.