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Literatur Der Aussenseiter in uns allen

Der neue Roman des Iren Donal Ryan erzählt die stille Geschichte eines Aussenseiters. Der naive, wortkarge Johnsey lebt zurückgezogen – aber in seinem Innern brodelt es. Seine philosophischen Gedanken erinnern an die Lebensweisheit von Forrest Gump – aber immer auch ein bisschen an uns selbst.

Ein junger Mann mit schwarzem Pullover und Kapuze läuft an einem Strand, hinter ihm das Meer und ein grauer Himmel.
Legende: Johnsey, der sensible Aussenseiter, denkt viel über sich selbst nach – und bewegt so auch die Leser zu Selbstkritik. Flickr/Luis Hernandez

Johnsey – die Hauptfigur in Donal Ryans Roman «Die Sache mit dem Dezember» – hat es nicht einfach. Als Teenager wird er von den gleichaltrigen Kids ausgelacht und verhöhnt. Als er das erste Mal in eine Disco gehen will, zerreissen sie ihm die neuen Kleider und nehmen ihm das Geld ab, das ihm sein Vater zugesteckt hat.

«Alle im Dorf wussten, dass er ein fetter Idiot war»

Später, als junger Mann, wird Johnsey auf dem Heimweg von der Arbeit regelmässig verprügelt: «Alle im Dorf wussten, dass er ein fetter Idiot war, er hatte noch nie richtig Hurling gespielt, Mädchen sahen ihn mitleidig an oder stimmten mit ein, wenn die Jungs ihn auslachten. Irgendwo in diesen tollen, grossen Plänen, von denen Pfarrer Cotter dauernd erzählte, musste es eine ganz grosse Verwechslung gegeben haben. Schliesslich war das Universum unendlich, da konnte Gott sich sicherlich das eine oder andere Versehen erlauben.»

Bei seinen Eltern findet Johnsey stets Zuflucht. Aber als beide kurz nacheinander sterben, bleibt er einsam und verlassen auf dem grossen Hof zurück. Die Katastrophe erreicht ihren Höhepunkt, als Johnsey spitalreif geprügelt wird und Gefahr läuft, sein Augenlicht zu verlieren. Trotzdem bedeutet dies eine Wende. Im Spital lernt er Menschen kennen, die sich um ihn bemühen. Als bekannt wird, dass der Hof seiner Eltern das Kernstück eines ambitiösen Bauprojekts ist, wird er plötzlich zum gefragten Verhandlungspartner.

Johnseys authentische Stimme ...

Der Roman «Die Sache mit dem Dezember» entwickelt einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Weil er aus der Perspektive Johnseys geschrieben ist, erfährt man unmittelbar, wie leidenschaftlich dieser stille, verstossene junge Mann ist. Und wie unfähig, seine Gedanken und Gefühle zu kommunizieren.

Johnsey hat eine authentische Stimme: Wenn er beispielsweise feststellt, dass es verschiedene Arten von Traurigkeit gebe – auch solche, die man wie Staub hinter dem Fernseher manchmal vergesse. In solchen Momenten scheint Johnsey seelenverwandt mit Forrest Gump zu sein.

... steckt in jedem von uns

Ein bisschen Johnsey stecke aber auch in jedem von uns, stellt der Autor Donal Ryan im persönlichen Gespräch fest: Selbstkritik, Unsicherheit, Schweigen. Deshalb ist er wohl auch eine Figur, die man ab und zu in den Arm nehmen will. Oder für sie ein Gedeck auf dem Familientisch auflegen – so wie es Donal Ryans Mutter am liebsten machen würde.

Buchhinweis

Donal Ryan: «Die Sache mit dem Dezember». Diogenes 2015.

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