Der Autor Julien Maret: Wenn Schreiben und Erinnern eins sind

Mit der Erzählung «Ameublement» führt uns Julien Maret in das Walliser Dorf seiner Kindheit: liebevoll ironische Momentaufnahmen und Schnappschüsse. Maret montiert assoziativ. Schreiben und Erinnern scheinen bei ihm eins. Es ist, als habe er die literarische Form des Gedächtnisses gefunden.

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Bildlegende: Julien Maret schreibt Sprachmusik, mit phantastischen Wortschöpfungen – zum laut lesen. ZVG / diaphanes Verlag

Kinder spielen im Estrich. Die Blasmusik zieht durchs Dorf, sie spielt falsch aber innig. Und heute gehen wir mit dem Fahrrad Kirschen klauen beim alten Schlösschen. Am Tresen des «Café de l’Avenir» aber stehen die Alten, erklären die Welt und – Santé! – heben einen Roten.

Julien Maret beschreibt Szenen aus dem Dorfalltag: detailreich, witzig und unmittelbar. Er reiht kurze Erinnerungsfetzen aneinander, trennt sie nur durch Strichpunkte, verbindet sie zu kleinen thematischen Einheiten. Beim Lesen hat man das Gefühl, dass bei diesem Autor das Erinnern und das Schreiben gleichzeitig und gleich schnell passieren. Man ist unmittelbar dabei, wenn Maret sich erinnert.

Die literarische Form des Gedächtnisses

Assoziativ und ganz konkret fängt er irgendwo an, und sofort geht’ s los: Eine Anekdote zieht die nächste nach sich – Maret hat eine literarische Form gefunden, die dem Gedächtnis angemessen ist. Wir erleben beim Lesen den Erinnerungsprozess selbst.

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Blick in die andere Schweiz

«Livres und Libri» ist das Fenster der Sendung «Reflexe» in die literarische Aktualität der französisch- und deutschsprachigen Schweiz, zu hören sechs Mal pro Jahr auf SRF 2 Kultur.

Das Dorf, das hier aufersteht, liegt im Wallis. Julien Maret ist 1978 in Fully bei Martigny geboren. Nach einem Philosophiestudium in Strasbourg absolviert er 2010 das Literaturinstitut in Biel. Sein erstes Buch, «Rengaine» ( deutsch «Tirade», Verlag Diaphanes 2013), erzählt den physischen und symbolischen Absturz eines Mannes ins Nichts. Es ist gleichzeitig der Versuch, den Sturz als literarisches Lese-Erlebnis zu gestalten. «Ameublement» nimmt dieses experimentelle Schreibverfahren wieder auf, wobei der philosophische Aspekt in dem zweiten Buch etwas abnimmt. Hier verzichtet der Autor auf eine Handlung, um sich ganz der literarischen Gestaltung des Gedächtnisses zu widmen.

Ein Buch zum laut lesen

Maret bringt einen ganz eigenen und originellen Ton in die Schweizer Literatur. Aber er hat natürlich seine Vorbilder und Bezugspunkte in der Literaturgeschichte. James Joyce und seine inneren Monologe sowie die Schreibspiele der Pariser Gruppe Oulipo, die seit den 1950er Jahren tätig ist, spielen bei ihm eine wichtige Rolle. Der Vergleich von «Ameublement» mit dem Text «je me souviens» (1978) von George Perec, einem der wichtigsten Ouliopo-Autoren, ist besonders treffend.

Wie bei Maret spielt Perecs Erinnerungssammlung mit der Idee der Zufälligkeit des Gedächtnisses. Maret geht aber ein Schritt weiter, in dem sein rhythmischer Schreibstil die Tradition des «Spoken word» übernimmt.

Sein Französisch ist eine witzig-ironische Neu-Erschaffung des Dorf-Französischen seiner Kindheit, durchsetzt mit Helvetismen, und ausserordentlich klangvoll. Man muss dieses Buch laut vorlesen, um seine Musikalität geniessen zu können:

«et c’était sauve-qui-peut à fuir chacun pour soi; en se griffant aux branches les yeux dans les feuillages; à déguerpir la pétoche aux pantalons;...».

Auf Deutsch ungefähr: «Und dann nix wie weg in Panik jeder für sich; Von Ästen zerkratzt, das Gesicht in den Zweigen; Verschwinden, den Schiss im Hintern...»