Gleich mit ihrem Debüt im Jahr 1998 gelang Judith Hermann ein unglaublicher Erfolg: Der Kurzgeschichtenband «Sommerhaus, später» wurde zum Bestseller. Hermann hatte darin das Lebensgefühl vieler Menschen eingefangen: junger Leute im Berlin der 1990er-Jahre, orientierungslos, schwankend, nicht angekommen, und nicht wissend, wohin es gehen soll.
Eine leise Melancholie durchzog diese Geschichten – bis heute ein Markenzeichen von Hermanns Texten.
Nach ihrem fulminanten Auftakt gelang es ihr, sich oben zu halten: Judith Hermann gilt heute als eine der renommiertesten deutschen Autorinnen. Viele Kurzgeschichten – ihr liebstes Genre – hat sie geschrieben, zudem zwei Romane. Nun ist ihr neuestes Werk erschienen: ein Buch, in dem sie sich auf die Spuren ihres Grossvaters begibt.
Das Schweigen in der Familie
Hermanns Grossvater war ein Nazi. Er starb sechs Jahre vor ihrer Geburt. Sie kannte ihn also nicht. Über ihn geredet wurde in der Familie kaum, und das ist bis heute so: Wenn Hermann ihre Mutter nach deren Vater fragt, bekommt sie nur einsilbige Antworten, vage Auskünfte, kleine Anekdoten. Nichts, was ihr helfen würde, sich ein Bild von ihm zu machen.
Trotzdem versucht Judith Hermann genau das in ihrem neuen Buch «Ich möchte zurückgehen in der Zeit». Sie möchte herausfinden, wie er war, wer er war, dieser Grossvater. Geboren 1904. Gestorben 1964.
Stationiert in polnischer Kleinstadt
Während des Zweiten Weltkriegs war Hermanns Grossvater in Polen stationiert: in der Kleinstadt Radom. So viel weiss sie. Radom hatte eine der grössten jüdischen Glaubensgemeinschaften Polens. Fast ein Drittel der Bevölkerung war jüdischen Glaubens.
Nach ihrem Einmarsch errichteten die Deutschen 1941 in Radom zwei Ghettos. 33'000 Menschen sperrten sie ein, ehe sie sie erschossen oder in Konzentrationslager deportierten. Genau zu dieser Zeit war Hermanns Grossvater dort.
Der Grossvater ist kaum greifbar
Hermann besitzt ein Foto von ihm aus dem Jahr 1941. Der Grossvater, posierend auf einem Motorrad der SS. «Das Gesicht meines Grossvaters war so sorgfältig glattrasiert, sein Ausdruck schwindelerregend gelassen und stolz. Ich musste wegsehen», beschreibt sie dieses Bild.
Judith Hermann ist für dieses Buch nach Radom gereist. Sie mietete sich eine Wohnung und begab sich auf die Suche nach Spuren ihren Grossvaters. Sie suchte den Ort, an dem das Foto aufgenommen wurde. Sie stöberte in Archiven. Das Ergebnis: Sie erfuhr nicht viel. Der Grossvater wird auch am Ende der 160 Seiten blass bleiben. Man kann nur ahnen, welche Verbrechen er begangen hat.
Die Kunstfertigkeit Judith Hermanns besteht nicht im Herunterbeten von Fakten oder einem rasanten Plot, sondern in der Atmosphäre, die sie mit ihren Worten, ihren rhythmischen Sätzen schafft.
Verdrängte Familiengeheimnisse
Hermann spürt nach: Was schwebt von der Schuld der Täter Generationen später noch über diesem verletzten polnischen Ort? Was davon steckt in den Körpern der Kinder, Enkel, Urenkel?
Es geht nicht um spektakuläre Aktenfunde. In «Ich möchte zurückgehen in der Zeit» geht es um das Verdrängte. Um das Schweigen innerhalb von Familien. Um das Beschreiben von Leerstellen. Kaum jemand beherrscht das so bravourös wie die grosse Stilistin Judith Hermann. Ihre Sprache ist eine, der man sich hingibt.