«Der Mauerläufer» – ein Erfolg dank Jonathan Franzen

Der erste Roman der 52-jährigen Amerikanerin Nell Zink heisst «Der Mauerläufer». Es ist die Geschichte eines Paares, einer jungen Frau, eines Vogels und eine Umweltschutzgeschichte zugleich. Dank Starautor Jonathan Franzen wurde Nell Zink nun selbst ein Star in der Literaturszene.

Ein gezeichneter Mauerläufer. Er hat zum Teil roten Federn. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Herz für Vögel: «Der Mauerläufer» erzählt auch die Geschichte eines verletzten Vogels. Rowohlt

Er ist schräg und in halsbrecherischem Tempo geschrieben: Für den Leser des Romans «Der Mauerläufer» liegen keine Ruhepausen drin. Gleichzeitig blitzen immer wieder kleine Lebensweisheiten auf, die zum Nachdenken anregen.

Zum Beispiel stellt die Hauptprotagonistin Tiffany fest: «Ich habe noch nie jemanden kennengelernt, von dem ich mir sicher sein konnte, dass ich ihn tatsächlich kennengelernt habe.» Oder sie sagt: «Wir haben die Technologie im Stich gelassen, als sie uns am dringendsten brauchte.» Ja, was meint sie damit? So geht es einem oft während der Lektüre.

Eine unkonventionelle Geschichte

Der Roman «Der Mauerläufer» erzählt von der Beziehung eines Ehepaars, Tiffany und Stephen. Beide sind Amerikaner, lernen sich in Philadelphia kennen und heiraten drei Wochen nach ihrem ersten Treffen. Stephen ist Mitarbeiter bei einer pharmazeutischen Firma und wird nach Bern versetzt. Tiffany folgt ihm – und verbringt ihre Zeit dort mit Bummeln, Shoppen und Schäferstündchen mit schlecht gewählten Liebhabern.

Nell Zink hat graues Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Du solltest Schriftstellerin werden»: Ohne Jonathan Franzen wäre Nell Zink heute wohl keine Buchautorin. Fred Filkorn

Stephens Herz schlägt vor allem für Vögel. Er verbringt seine freie Zeit mit der Beobachtung von Vögeln – und zwischendurch begleitet Tiffany ihn. Auf einer solchen Tour passiert ein fataler Unfall: «Ich schaute gerade auf die Karte, als Stephen plötzlich ausscherte, gegen den Felsen schrammte und die Fehlgeburt verursachte.»

Dies ist der allererste Satz in «Der Mauerläufer» – und er bedient nicht nur die voyeuristische Seite der Leserschaft, sondern steht als Beginn einer unkonventionellen Geschichte, die man auf mehrere Arten lesen kann. Es ist die Geschichte eines Paares auf der Suche nach einer gemeinsamen Identität.

Es ist die Geschichte eines Vogels, eines Mauerläufers, der im oben beschriebenen Unfall verletzt wird, bei Tiffany und Stephen aber dann ein Zuhause findet. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die zunächst ohne jegliche Orientierung in ihrem eigenen Leben hin- und hergeschleudert wird, schlussendlich aber ihren Weg findet. Es ist eine Gesellschaftsstudie – und sogar ein Umweltschutzroman.

Jonathan Franzen als Mentor

Nell Zink hat den ersten Teil des 200-seitigen Romans in nur vier Tagen geschrieben – und diesen Anfang nie revidiert. Er war nie für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen, sondern für einen Freund: den berühmten amerikanischen Schriftsteller Jonathan Franzen («Die Korrekturen»). Nell Zink war mit ihm wegen eines Vogelschutzprojekts in Kontakt getreten, und er war begeistert von ihrem Schreibstil.

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Buchhinweis

Nell Zink: «Der Mäuerläufer». Rowohlt, 2016.

«Du solltest Schriftstellerin werden,» sagte er. «Danke», erwiderte sie, «aber das nützt mir nicht viel. Ausser du hilfst mir, bekannt zu werden.» Und das tat er. Franzens Literaturagent verkaufte Zinks Manuskript, und Franzen selbst moderierte in einem kleinen Buchladen die Buchvernissage in den USA.

Seitdem ist Nell Zink ein Star. Daran muss sie sich nach eigenen Angaben erst noch gewöhnen. Aber: «Schriftstellerin zu sein», sagt sie, «das ist das, was ich ein Leben lang wollte. Jetzt ergibt alles endlich einen Sinn.» Daran muss sie sich nicht gewöhnen.

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