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Der neue Camenisch Die letzte Hoffnung schmilzt wie die Gletscher

Poetisch und lakonisch: Arno Camenischs neuer Roman erzählt vom Verschwinden des Schnees, der Hoffnung, der Menschen. Den Vergleich mit den erfolgreichen Vorgängern braucht «Der letzte Schnee» nicht zu scheuen.

Autor Arno Camenisch an Wetterstation gelehnt
Legende: Camenischs Figuren warten auf den Schnee und fragen sich, ob es irgendwann auch der letzte sein könnte. Keystone

Mit seiner «Bündner Trilogie», den Romanen «Sez Ner», «Hinter dem Bahnhof» und «Ustrinkata», ist der Schriftsteller Arno Camenisch bekannt geworden. Die drei Werke erhielten nationale und internationale Preise und Nominierungen, darunter den Schweizer Literaturpreis 2012 für «Ustrinkata».

Camenischs Sprache begeistert

Es ist der pragmatische Blick seiner Berglercharaktere auf ihre karge Welt, erzählt in einer ebenso kargen Sprache, der Kritiker und Leser gleichermassen begeisterte.

Heute kommt Arno Camenischs neustes Werk «Der letzte Schnee» in die Buchläden. Kann es mit den erfolgreichen Vorgängerwerken mithalten? Ja, es kann!

Legende: Video «Arno Camenisch und der letzte Schnee» abspielen. Laufzeit 2:21 Minuten.
Aus Tagesschau vom 08.01.2018.

Bergler, die sich mit trockenen Sprüchen und schrägen Metaphern über Wasser zu halten versuchen, mal schwadronierend, mal wortkarg: Diesen Ton beherrscht Arno Camenisch bis in die feinsten Schwingungen.

Reden und warten

«Der letzte Schnee» – das ist ein herzerwärmender Dialog zwischen Paul und Georg, zwei alternden Skiliftangestellten im Bündner Oberland.

Tag für Tag stehen sie bei ihrem Hüttli am Skilift auf dem Posten und warten. Auf die ersten Feriengäste, auf den Feierabend, zunächst aber einfach: auf den Schnee.

Paul und Georg verkürzen sich die Zeit mit allerlei Tätigkeiten: Mit grossem Aufwand montieren sie ein Hinweisschild. Sie testen das Funkgerät. Sie üben die Handhabung des Rettungsschlittens. Das sind alles Übungen für einen Ernstfall, der nie eintrifft. Deshalb besteht ihre Haupttätigkeit im Warten und Reden.

Holzhütte am Hang im Winter, Schneemangel
Legende: Kein Schnee weit und breit – und nicht einmal Petrus hilft Camenischs Hauptfiguren. Keystone

Warten auf Schnee

Wie Estragon und Wladimir in Samuel Becketts «Warten auf Godot» vertreiben sich Paul, ein begnadeter Plauderi vor dem Herrn, und der stille, gehorsame Georg die Zeit, indem sie über das Leben philosophieren oder sich an Vergangenes erinnern.

Dass die famosen Bündner den famosen Skilift erfunden haben. Wie der erste Kuss war. Oder wie sie als «Kindels» «Mund sutsu» gespielt haben – verkehrte Welt.

Mittlerweile ist für sie die Welt tatsächlich auf den Kopf gestellt. Der Klimawandel lässt die Gletscher schmelzen. Offenbar hat der Teufel mehr Kohle eingeworfen, meint Paul. Dafür schneie es in Marokko.

Haarscharf vorbei und mitten ins Schwarze

Paul und Georg leben im Früher. Und früher, das sind bei ihnen die 1970er- und 1980er-Jahre. Sie reden vom Leichtathleten Carl Lewis und von «Aktenzeichen XY». Sie benutzen ohne Ironie das verstaubte Wort «Farbfernseher». Überhaupt die Sprache: Sprachbilder, die knapp daneben gehen und gerade deshalb umso zielgenauer treffen.

Das ist eine besondere Stärke von Arno Camenisch: «Zac bum steckst du bis zu den Knöcheln im Nebel». Bis zu den Knöcheln im Nebel? Die Dolores aus dem Nachbardorf, die war so klug, «so einen Schatz an Wissen hat nicht mal ein Astronaut». Und als der Blitz in einer Alp einschlug, hatte «Petrus den Radar falsch eingestellt».

Paul und Georg sprechen eine literarische Kunstsprache: grösstenteils hochdeutsch, aber getränkt mit Wörtern und Wendungen aus dem Bündner Dialekt und aus dem Rätoromanischen, Camenischs Muttersprache. Eine stilisierte Mischung, die aber enorm authentisch wirkt, weil sie hauteng an der Mündlichkeit anliegt.

«Coffertori, Godo kommt nicht»

Genau so, mit flotten Sprüchen und im Brustton der Überzeugung, reden die Machtlosen gegen den allgemeinen Niedergang an. Denn alles ist aussichtslos. Für sie. Für das Tal. Alles verschwindet vor ihren Augen, alles kommt ihnen abhanden: die Zündhölzer, die Skiliftbügel, die Poststelle, der Dorfladen, die Dorfbeiz, das Skirennen an ihrem Lift.

«Coffertori, Godo kommt nicht», meint Paul am Ende, «mit jedem Winter sind wir wieder ein paar Leute weniger im Tal, und auch die Sprache schmilzt dahin wie der Schnee» und «Petrus, der Calöri, weigert sich schlichtweg, uns beizustehen.»

«Der letzte Schnee» ist die Geschichte vom Ende des Alpentourismus und vom Ende einer Bergbauernkultur, wie wir sie kennen. Arno Camenisch erzählt dieses Ende als Poesie des Verschwindens in einer lakonischen Sprache, die lachen und trauern zulässt.

Am Ende fällt der Strom aus, die Uhr bleibt stehen und das Dorf und das ganze Tal verschwinden im Nebel. Paul und Georg fallen aus Raum und Zeit.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 10.01.2018, 17.10 Uhr.

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