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Deutscher Buchpreis «Überforderung ist das Gegenteil von Langeweile»

Legende: Audio Inger-Maria Mahlke gewinnt den Deutschen Buchpreis abspielen. Laufzeit 05:13 Minuten.
05:13 min, aus Kultur-Aktualität vom 09.10.2018.

Gestern Abend war es wieder soweit: Im Kaisersaal im Frankfurter Römer wurde der Deutsche Buchpreis 2018 verliehen. Gewinnerin ist die 41-jährige Schriftstellerin Inger-Maria Mahlke. Sie erhält den mit 25'000 Euro dotierten Buchpreis für ihren Roman «Archipel».

Inger-Maria Mahlke

Inger-Maria Mahlke

Schriftstellerin

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Inger-Maria Mahlke wurde 1977 in Hamburg geboren und wuchs in Lübeck auf. Einen Teil ihrer Kindheit verbrachte sie auf Teneriffa. Mahlke studierte an der Freien Universität Berlin Jura und arbeitete zuerst am Lehrstuhl für Kriminologie, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Mit ihrem vierten Roman «Archipel» hat sie den Deutschen Buchpreis 2018 gewonnen.

«Archipel» ist ein leiser, eindringlicher Roman. Aus der Sicht der einfachen Leute und von der kanarischen Insel Teneriffa aus erzählt er die spanische Geschichte des 20. Jahrhunderts, hauptsächlich die Jahre der Franco-Diktatur. Im Interview spricht Inger-Maria Mahlke über ihre Verbindung zu Teneriffa und die Schwierigkeiten ihrer Arbeit.

SRF: Wie geht es Ihnen jetzt, nachdem Sie den Buchpreis erhalten haben?

Inger-Maria Mahlke: In der Überforderung kann ich nur sagen: überfordert und sehr glücklich. Aber der Preis bedeutet, dass ich mir ein bisschen mehr Zeit mit dem nächsten Roman lassen kann. Und das ist ja schön.

Sie haben sich in Interviews auch schon gestresst gezeigt: morgens aufstehen, es funktioniert nicht, trotzdem schreiben. Hilft es Ihnen, dass Sie den Preis gewonnen haben?

Ja, ich denke schon. Irgendwann kam das Gerücht auf, ich würde jeden Morgen eine halbe Stunde weinen, bevor ich anfange zu schreiben. Das stimmt nicht. Eine Zeit lang habe ich tatsächlich jeden Morgen eine halbe Stunde geweint, aber das waren die letzten 14 Tage vor der Abgabe meines ersten Romanes.

Ihr Buch spielt auf Teneriffa. Ihre Mutter kommt von dieser Vulkaninsel und Sie haben dort viel Zeit verbracht. Was interessiert Sie an dieser Insel als Schauplatz für ein Buch?

Es ist das Extreme, dass so viele verschiedene Welten auf so kleinem Raum zusammen existieren müssen, respektive nebeneinander existieren. In jedem Reiseführer steht, dass sämtliche Klimazonen der Erde auf dieser Insel vertreten sind. Das stimmt. Man hat arktisches Klima, man hat Wüstenklima, man hat alles. Ähnlich ist es mit der Geschichte und Kultur dieser Insel.

Sie beschreiben in Ihrem Buch das ganze 20. Jahrhundert in Spanien. Die Franco-Diktatur steht im Zentrum. Sie sagen aber auch, Sie möchten diese politischen Themen von den Rändern der Gesellschaft her beschreiben. Was bedeutet das?

Das heisst konkret, dass man zentrale Ereignisse nicht unbedingt aus ihrer Mitte heraus beschreibt. Es ist ja oft so, dass man im Zentrum von etwas viel weniger über ein Ereignis oder einen Zustand sagen kann, als wenn man es von aussen betrachten kann. Das ist der Luxus des Randes. Am Rand kann man sehr viel erkennen, weil man weit weg ist. Man kriegt eine gute Übersicht. Das ist die schöne Erzählperspektive.

Warum haben Sie ausgerechnet über die Franco-Zeit geschrieben?

Die Franco-Zeit ist durch Populismus und ein Wiedererstarken der Religionen geprägt, gleichzeitig durch einen Umgang mit Säkularität in Spanien, den es bis dann eigentlich gar nicht gab. Diese Zeit ist dadurch geprägt, dass die Gesellschaft unterschiedliche Geschwindigkeiten hatte. Ein Teil war unglaublich modern, beispielsweise gab es viele feministische Frauen und Menschen mit sehr viel persönlicher Freiheit. Andere Teile waren immer noch sehr rückständig. Diese unterschiedlichen Geschwindigkeiten führten zu einer populistisch aufgeheizten Stimmung und dann in die Katastrophe, also in die Zerstörung dieser Gesellschaft aus sich selbst heraus. Das ist dann vielleicht die Warnung, das Böse, das man von diesem Rand aus sehen kann.

Passiert das wieder?

Manchmal hat man Angst davor, dass es wieder passiert. Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber man hat mehr Angst als noch vor zehn Jahren.

Sie erzählen rückwärts. Warum?

Kausalitäten misstraue ich. Ich glaube auch nicht, dass etwas automatisch von etwas Anderem kommt. Ich glaube, dass man im Nachhinein in der Erinnerung, sei es auf biografischer Ebene, in persönlichen Erinnerungen oder in der geschichtlichen Narration dazu neigt, Sachen passend zu machen. Man kleistert die Brüche zu. Der Versuch, rückwärts zu erzählen, ist eigentlich ein Versuch, diese Brüche wieder freizulegen.

Ist so eine Arbeitsweise nicht schwierig?

Es war bestimmt nicht einfach, aber ich will mich auch nicht langweilen beim Schreiben. Vielleicht ist Überforderung auch einfach nur das Gegenteil von Langeweile.

Das Gespräch führte Michael Luisier.

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