Die Crumbs waschen im Comic ihre schmutzige Beziehungswäsche

Seit 40 Jahren zeichnen Robert Crumb und Aline Kominsky-Crumb gemeinsam Comics über ihr Leben. Das Cartoonmuseum Basel präsentiert die erste Ausstellung dieser ungewöhnlichen Autobiographie – ein tabuloser Dialog zweier ungewöhnlicher Künstlerpersönlichkeiten, bei denen die Fetzen fliegen.

  • Das Künstlerpaar Robert Crumb und Aline Kominsky-Crumb dokumentiert seine Beziehung in einem Comic – offen, schockierend und erheiternd.
  • Die schmutzige Wäsche, die das Paar im Comic wäscht, gibt der Reihe ihren Namen: «Dirty Laundry Comix».
  • Eine klug kuratierte Ausstellung im Basler Cartoonmuseum dokumentiert das gemeinsame Schaffen.

Seitensprünge, Beziehungsknatsch und immer wieder Sex

Als Robert Crumb und Aline Kominsky-Crumb ihre ersten gemeinsamen Comics einem Freund zeigten, reagierte dieser sehr direkt: Er habe noch nie etwas so Peinliches gelesen, sagte er. Es sei, als würden sie ihre schmutzige Wäsche öffentlich aufhängen. Aline Kominsky-Crumb lacht, als sie diese Anekdote erzählt. «Diesen Ausdruck fanden wir so passend, dass wir ihn als Titel für unsere Comics nahmen, Dirty Laundry Comix.»

Aline und Robert in ihrer neuen Heimat Südfrankreich. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Aline und Robert in ihrer neuen Heimat Südfrankreich. ZVG / Robert Crumb und Aline Kominsky-Crumb

Tatsächlich erspart das Ehepaar Crumb sich und seinen Leserinnen und Lesern nichts, wenn es sich an den Zeichentisch setzt: Seitensprünge und Beziehungsknatsch, Alltagsbanalitäten wie der Kauf eines neuen Kühlschranks, Streitereien und Sex, immer wieder Sex. Ihre Offenheit ist verblüffend, schockierend und erheiternd.

Gut im Bett

«Am Anfang hassten die meisten meiner Fans Alines krude Zeichnungen», erinnert sich Robert Crumb. «Sie sei vielleicht gut im Bett, schrieb ein besonders empörter Leser, aber ich solle sie bitte aus dem Comic schmeissen!»

Um 1975 war Robert Crumb der Superstar der Underground-Comix. Er hatte den Comic um neue Themen wie Sex, Drogen und Politik erweitert und war der erste, der sich konsequent zum Helden – oder besser: Antihelden – seiner Comics machte und dabei auch seine sexuellen Phantasien und Obsessionen auslebte. Aline Kominsky hingegen kam aus feministischen Underground-Comix-Kollektiven. Sie war eine der ersten Frauen, die autobiographische Comics zeichnete.

Zusatzinhalt überspringen

Ausstellungshinweis

Die Ausstellung «Aline Kominsky-Crumb & Robert Crumb Drawn Together» ist bis zum 13. November 2016 im Cartoonmuseum Basel zu sehen.

Der Chauvi und die Feministin

Umso explosiver war das Zusammentreffen der beiden: Hier der dünne, neurotische Schürzenjäger, dort die emanzipierte und auch sexuell selbstbewusste Feministin, die aussah, als wäre sie einem Crumb-Comic entstiegen. Da begann ein intensiver Austausch, in welchem sie bis heute immer wieder hartnäckig und ironisch ihre Geschlechterrollen durchspielen.

Die Dialoge im Comic unterscheiden sich wenig von ihren Gesprächen im richtigen Leben, betont Aline Kominsky-Crumb, «unsere Kommunikation basiert auf einer Art Comedy-Routine.» Ihre Comics seien aber weniger spontan als sie wirkten, wirft Robert Crumb ein: «Sie behandeln nur Themen, über die wir vorher ausgiebig gesprochen haben; unsere Ehrlichkeit hat Grenzen. Wir erzählen nur Dinge, die wir verarbeitet haben; das Publikum ist schliesslich nicht unser Psychiater.»

Unendlicher Dialog

Künstlerpaare gab es viele; selten jedoch sind Paare, die während eines so langen Zeitraums an einem gemeinsamen, autobiographischen Werk arbeiten. Das Spezielle an den Crumbs: Jeder zeichnet sich selber. Roberts virtuose, fein gestrichelte und räumliche Federzeichungen prallen auf Alines art-brut-nahe, naive und flache Zeichnungen. Realismus trifft auf Reduktion.

Diesen seit 40 Jahren andauernden Dialog zeichnet das Cartoonmuseum Basel in seiner klug kuratierten Ausstellung chronologisch nach und stellt immer wieder Bezüge zum kulturellen und gesellschaftlichen Kontext her: Vom Aufbruch in den frühen 1970er-Jahren über die Ernüchterungen in den 1980er-Jahren, die Geburt ihrer Tochter Sophie und ihren Umzug nach Südfrankreich bis in die Gegenwart. Sex und Geschlechterspiele bleiben zwar zentral, neue Themen gewinnen jedoch an Bedeutung: Das Altern, Schönheitsoperationen oder Enkelkinder.

Harmonie und Streit

In der schmutzigen Wäsche spiegelt sich nicht nur die Normalität im Leben eines ungewöhnlichen Künstlerpaars, sondern auch ein Stück Zeitgeschichte aus ungewöhnlicher Perspektive. Und immer ist da der Witz. Die Sticheleien, die Streitereien, die kleinen Boshaftigkeiten – die schonungslose Ehrlichkeit und Offenheit.

Die Arbeit an ihren Comics sei aber immer harmonisch, betonen beide. «Wir streiten nie über unsere Comics; wir kommen beim Arbeiten viel besser miteinander aus als im richtigen Leben.»

Sendung zu diesem Artikel