Lediglich drei Ortsnamen aus Homers Werk findet man auf heutigen geographischen Karten: Troja, das Kap Maleia und die Insel Ithaka. Das lässt viel Raum für Spekulationen, wo Odysseus’ Irrfahrt durchführte.
Die Tourismusindustrie versucht, daraus Kapital zu schlagen. Maltas Nachbarinsel Gozo wird wegen einer bekannten Höhle als Kalypsos Insel vermarktet. Die äolischen Inseln, so legt der Name nahe, müssten die Heimat des Windgottes Aiolos gewesen sein. In Ost-Sizilien gibt es die Küste der Zyklopen. Und für die Bewohner von Korfu zum Beispiel steht fest, dass ihre Insel das Land der Phaiaken war. Sportclubs benennen sich nach den antiken Helden.
Der deutsche Historiker Armin Wolf aber hatte da seine Zweifel. Er wollte es genau wissen und verortete Odysseus’ Route anhand der nautischen Daten in Homers Werk. Er analysierte Himmelsrichtungen und Windrichtungen. Er las genau, ob Odysseus segelte oder ruderte. Wie viele Tage steht da, war er unterwegs?
Aus diesen Angaben entwickelte er ein abstraktes geometrisches Muster mit langen Geraden (bei kräftigem Wind) und kurzen Linien (bei Ruderstrecken). Dieses so entstandene Muster legte er dann über eine Mittelmeerkarte, mit dem Ausgangspunkt Troja an der türkischen Westküste.
Im zweiten Schritt glich er die Route mit realen Naturgegebenheiten im Mittelmeer ab. Zuletzt schaute er auf kulturelle und archäologische Gegebenheiten an den bestimmbaren Orten. So lässt Wolfs Route viele Inseln aus, welche sich in ihren Gründungsmythen auf die Odyssee berufen.
Die Orte, an denen Odysseus vorbeikam (Armin Wolf)
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Bild 1 von 12. Schlacht um Troja. Die Ruinen von Troja liegen in der heutigen Türkei, in der Nähe von Çanakkale an der Meeresenge der Dardanellen. Die Route durch die Meeresenge war damals wie heute von strategischer Wichtigkeit für den Warenverkehr zwischen dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer. Bildquelle: Colourbox.
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Bild 2 von 12. Die Lotophagen. Nordwind und Strömung trieben Odysseus auf einen Fehlkurs. Die griechischen Segler kannten die Kunst des Kreuzens gegen den Wind kaum. Auf einem Südwestkurs musste Odysseus Nordafrika erreichen. Auf Djerba gibt es einen aus Dattelbäumen gewonnenen Wein. Dies könnte die Lotusfrucht sein, von der Homer in seinem Epos berichtet. Bildquelle: Colourbox.
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Bild 3 von 12. Land der Zyklopen. Die riesigen Zyklopen wohnten in Höhlen. Ihrem Land vorgelagert lag laut Homer eine niedrige Insel. Folgt man der Küstenströmung von Djerba aus, erreicht man die Insel Kerkennah. Auf dem gegenüberliegenden Festland findet man in Matmata noch heute bewohnte Höhlen, in denen Ziegen gehalten werden. Bildquelle: Colourbox.
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Bild 4 von 12. Windgott Aiolos. Unzählige Klippen säumen Maltas Südküste. Homer erwähnte eine unzerbrechliche Mauer. Der einzige Hafen liegt im Südosten bei der heutigen Stadt Marsaxlokk. Der Astarte Tempel von Tas-Silg oberhalb der Bucht gehörte zu einer der wichtigsten phönizischen Küstensiedlungen. Von Malta aus könnte man mit Westwind direkt nach Ithaka segeln. Bildquelle: SRF.
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Bild 5 von 12. Laistrygonen. Wer von Malta nach Norden rudert, driftet mit der Strömung nach Westen. Auf Mozia existieren Ruinen eines phönizischen Hafens. Die Insel liegt in Mitten einer Flachwasserbucht vor Marsala. Bei der traditionellen «Mattanza» werden Thunfische mit Lanzen gejagt. In der Odyssee sind es Odysseus' Gefährten, die von den Laistrygonen aufgespiesst werden. Bildquelle: Pitichinaccio.
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Bild 6 von 12. Kirke (Insel Aiaia): Insel Ustica (nördlich von Palermo). Rekonstruiert man die Route von Odysseus von Mozia aus in Nordöstlicher Richtung, erreicht man Ustica, die einzige Insel in der Region und zudem und wie bei Homer rund herum vom unendlichen Meer umgeben. Bildquelle: 123RF.
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Bild 7 von 12. Hades, das Totenreich. Der Tempel von Himera liegt zwischen den Mündungen des «Fiume Torto» und des «Fiume Grandes». In der Odyssee ist die Rede von einem gemeinsamen Ergiessen zweier Ströme. Seit 648 vor Christus gab es hier eine griechische Kolonie. Der Hades wird von Homer nie als Unterwelt bezeichnet. Womöglich war er bei den Griechen eine Kultstätte und Opferplatz. Bildquelle: SRF.
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Bild 8 von 12. Sirenen. Beim Capo Peloro an der Nordküste Siziliens kurz vor der Strasse von Messina muss man noch heute einen Mindestabstand von tausend Metern zum Leuchtturm halten. Es gibt Belege, dass gestrandete Schiffe an dieser Küste oft ausgeraubt wurden. Bildquelle: Marco Crupi.
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Bild 9 von 12. Skylla, Charybdis, Helios. In der Strasse von Messina treffen zwei Meere zusammen. Es gibt dadurch Strudel, Wellen und starke Gezeitenströme. Für antike Seefahrer war die Passage äusserst riskant. Die Monster Skylla und Charybdis scheinen die tödlichen Gefahren der Meeresenge zu symbolisieren. Der Felsen von Scilla und eine gleichnamige Ortschaft existieren in Kalabrien. Bildquelle: 123RF.
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Bild 10 von 12. Kalypso (Insel Ogyia). Im Norden der Strasse von Messina liegen die liparischen Inseln. Die Insel von Kalypso liegt bei Homer «hinter der Meerenge», von Griechenland aus gesehen, also nördlich davon. Daher kann es nicht Gozo sein, wie auch immer wieder behauptet wurde. Dennoch lässt die Lokalisierung der Insel Kalypsos am meisten Zweifel offen. Bildquelle: Colourbox.
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Bild 11 von 12. Land der Phaiaken. Kalabrien ist laut Armin Wolf das Phaiakenland: Es grenzt an zwei Meere. Homer spricht nie von einer Insel, sondern von «Schérie». Das heisst Festland. Kalabrien hat die Form eines griechischen Schildes mit markanten Einbuchtungen und Homer vergleicht die Form des Phaiakenlandes mit einem solchen. Zudem wäre Ithaka vom Osthafen direkt zu erreichen. Bildquelle: Pinodario.
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Bild 12 von 12. Ithaka – die Heimatinsel. Die Insel Kefalonia liegt vor Ithaka. Von Kalabrien herkommend, verdeckt Kefalonia die Sicht auf Ithaka. Auch gibt es mehr archäologische Funde auf Kefalonia. Bildquelle: Colourbox.
Was für Menschen leben heute an den Orten, an denen der griechische Held während seiner Odyssee gestrandet sein soll? SRF-Moderatorin Nina Mavis Brunner reiste im Jahr 2015 auf den Spuren von Odysseus durchs Mittelmeer – von Troja bis nach Ithaka.
Auf den Spuren von Odysseus durchs Mittelmeer
Selbstverständlich gibt es nebst der Theorie von Armin Wolf aber noch etliche weitere Thesen, wo Odysseus entlanggereist sein könnte. Einige sind glaubhafter, andere weniger. Oft fanden die Forscher Örtlichkeiten in ihren Heimatländern.
Weitere Thesen: So könnte Odysseus gereist sein
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Bild 1 von 5. Der Routen-Klassiker. Die Studie «Les Navigations d'Ulysse» (1927–1929) von Victor Bérard galt lange als die detaillierteste und wurde in Lehrbüchern abgedruckt. Er glaubte, dass Homer die Seewege der Phönizier recht präzise nachzeichnete. Bérards Route ist nicht ohne Widersprüche. Doch der Autor wirft nicht sich, sondern Homer gewisse Ungenauigkeiten vor. Bildquelle: Victor Bérard: Atlas of the Classical World (1959), New York.
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Bild 2 von 5. Weltkriegs-Navigator mit Homer in der Tasche. Ernle Bradford war im 2. Weltkrieg Navigator eines englischen Zerstörers. Danach segelte er sieben Jahre mit Homer in der Tasche durchs Mittelmeer. So kam er zu Erkenntnissen über dessen Geographie. Er erforschte die Fahrtleistung der homerischen Schiffe und analysierte Zeit- und Streckenangaben. Bildquelle: Ernle Bradford: Ulysses Found (1963).
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Bild 3 von 5. Die skandinavische Odyssee. Der Italiener Felice Vinci siedelt die ganze Odyssee im Baltikum und Skandinavien an. Viele Ortsnamen würden darauf hinweisen. Eine Klimaänderung habe die Bewohner zur Migration ins alte Griechenland gezwungen. Ihre Mythen nahmen sie mit. Bildquelle: Felice Vinci: Omero nel baltico (1995), Fratelli Palombi Editori.
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Bild 4 von 5. Der Entdecker Amerikas. Laut dem Griechen Siegfried Petrides (1994) und der Amerikanerin Henriette Mertz (1964) soll Odysseus bei Gibraltar hinaus in den Atlantik und durch den Golfstrom bis nach Nordamerika getrieben sein. Die alten Griechen hätten Amerika entdeckt. Bildquelle: S. Petrides: America's Discovery by the Ancient Greeks (1999).
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Bild 5 von 5. Das realistische Experiment. Auf einer nachgebauten Galeere segelte Tim Severin von Troja nach Ithaka. Er folgte den Windrichtungen aus der Odyssee. Er wollte sehen, ob er Örtlichkeiten findet, die den Beschreibungen von Homer entsprechen. Seine Route beschränkte sich auf die Küsten des heutigen Griechenlands. Bildquelle: Tim Severin (1987), The Ulysses Voyage. Hutchinson. London.