East London – die vergessenen Ufer des River Lea

Eine Ich-Erzählerin läuft an einem Fluss entlang. Der Fluss heisst River Lea, er fliesst durch East London. Die Erzählerin erkundet das Tal, die Ufer, sich selbst. Esther Kinskys Roman «Am Fluss» ist eine poetische Meditation. Und eine Zeitreise ins Herz der Metropole.

Mit Graffitti beschmiertes, verfallendes Industriegebäude am Fluss. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Tal des Flusses Lea: ein eigentümliches Gemisch von sich selbst überlassener Natur und zerfallender Industrie. Flickr/Mile end Residents

Durch London fliessen viele Flüsse. Und es sind die heute kaum mehr bekannten, die die Stadt einst formten. Sie trennten die Metropole vom Umland, grenzten Viertel voneinander ab, sorgten für Verkehrswege, die später von Strassen und Eisenbahnen ersetzt wurden. An ihren teils längst verschwundenen Ufern reihten sich die Villen der Reichen, elende Slums und Manufakturen aller Art.

Ein verschleppter Abschied

Esther Kinskys neuer Roman folgt einem dieser Flüsse, dem River Lea in Londons ehemals wildem Osten. Dort bahnt sich das Lea-Wasser seinen Weg durch Reservoirs und Marschland, Wälder, Parks und Kanäle, bis es nach ein paar besonders ausgeprägten Flussschlingen, den Mäandern, beim ehemaligen East India Dock in die Themse mündet.

In den Osten der Stadt hat es auch die namenlose Ich-Erzählerin des Romans «Am Fluss» verschlagen. Nach langen Jahren in London hätte sie eigentlich weiterziehen sollen. Doch sie entschliesst sich zu einem «verschleppten Abschied»: Mit ihren Umzugskisten lässt sie sich in Stamford Hill nieder. «An einem Ort, wo ich niemanden in der Nachbarschaft kannte, wo mir die Strassennamen, die Ausblicke, Gerüche und Gesichter unbekannt waren, in einer billig zurechtgezimmerten Wohnung, in der ich mein Leben vorübergehend abstellen wollte.»

Vom Hinterhof zum glitzernden Wohnreservat

In Stamford Hill lebt die grösste chassidische Gemeinde Europas. Wie in einer Zeitblase folgen die streng orthodoxen Jüdinnen und Juden den Traditionen der osteuropäischen Schtetl des 18. Jahrhunderts. Durch den Park des Viertels gelangt man ins Lea Valley. Bis vor kurzem noch war das Flusstal ebenfalls eine Zeitblase: ein eigentümliches Gemisch von sich selbst überlassener Natur und zerfallender Industrie, an dem sich Schicht für Schicht Vergangenheit ablesen liess.

Jahrhundertelang galt der Osten Londons als Hinterhof der Stadt. Dort siedelten die Einwanderer und Armen, dort standen die Schlachthöfe, Gerbereien und Fabriken mit ihren stinkenden, Mensch und Umwelt schädigenden Emissionen. Dann kam die Olympiade 2012 und das Lea Valley wurde «regeneriert». Heute sind weite Teile des Gebiets urbane Freizeitzone und aseptisch glitzerndes Wohnreservat für jene, die es sich leisten können.

Memoire einer Stadtlandschaft

Esther Kinsky, die auch als Übersetzerin tätig ist, hat von 1990-2004 selber in London gelebt. Und doch ist die Ich-Erzählerin im Roman «Am Fluss» nicht mit der Autorin zu verwechseln. Gemeinsam ist den beiden nur der genaue Blick. Während die namenlose Frau durch das Viertel und das angrenzende Flusstal streift, registriert sie akribisch, was sie wahrnimmt.

Es sei ihr darum gegangen, unter dem Vorzeichen des Abschieds das Sehen und Benennen darzustellen, sagt Esther Kinsky. Und auch darum, die Geschichte einer heute geschönten und geglätteten Gegend «ins Buch Londons» zu schreiben. Festzuhalten zum Beispiel, dass das Lea Valley jahrhundertelang die Grenze der Stadt war. Fahrende, Menschen ohne festen Wohnsitz, durften sie nicht überschreiten. Sie lebten jenseits des Flusses, im Marschland.

Poetische Meditation

Es sind die Heimatlosen, die Ausgegrenzten, denen Esther Kinskys besonderes Augenmerk gilt. Die Ich-Erzählerin, selber ohne festen Boden unter den Füssen, schreitet in Stamford Hill und am Lea wie in täglichen Exerzitien «ein Territorium von Verfall und Halbvergessenen» ab. Über das Registrieren und Sehen findet sie zu ihren Erinnerungen – und zu weiteren Flüssen überall in der Welt, die ihr Leben prägten.

Ob der Rhein bei Köln, der Yarkon in Tel Aviv, der Hooghly River in Kalkutta – sie verbinden sich mit dem Lea in einer Selbsterkundung, die so radikal wie diskret ist. Unspektakulär lernt die Ich-Erzählerin, durch Äusseres Inneres zu sehen. Sie lotet Zugehörigkeit und Fremdheit aus, vermerkt Stillstand und Veränderung, stellt sich schliesslich dem Abschied und dem Prekären der menschlichen Existenz überhaupt. Fast ist am «Am Fluss» eine poetische Meditation, eine wunderbar zu lesende Möglichkeit, die Welt und das Leben neu wahrzunehmen.

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