Nach Morddrohungen lebt die türkische Starautorin Ece Temelkuran seit zehn Jahren in verschiedenen europäischen Städten im Exil. Darüber hat sie nun ein packendes Buch geschrieben. Es heisst «Nation of Strangers. Unsere Heimat sind wir» und fordert ein neues Miteinander.
SRF: Ece Temelkuran, Sie sind eine Vielarbeiterin, als Literatin und politische Kommentatorin, und immer unterwegs. Aber Ihr neues Buch entstand aus einem Zusammenbruch. Wie kam es dazu?
Ece Temelkuran: Nachdem ich die Türkei verlassen musste, steckte ich mein Herz in den Gefrierschrank. Ich dachte, ich könnte nur überleben, wenn ich mich in einen Roboter verwandelte. Aber der Versuch, den Schmerz über den Verlust meines Zuhauses zu verdrängen, hat mich vollkommen erschöpft. So wandte ich mich anderen Fremden zu. Ich wollte von ihnen lernen, wie sie überlebt hatten und dennoch menschlich geblieben waren.
Ihr neues Buch richtet sich in Briefen direkt an die Leserinnen und Leser, auch sie sind Fremde. Da erzählen Sie zum Beispiel davon, dass Sie nicht die Vorzeige-Exilantin sein wollen, als die man Sie gerne verkauft. Warum?
Ich glaube, die Europäerinnen und Europäer lieben die Vorstellung, dass eine intellektuelle Frau vor den Barbaren flieht und sich in die Arme der Zivilisation wirft. Es gibt ihnen das Gefühl, der sichere Hafen der Menschheit zu sein. Ich würde Europa nicht so viel Anerkennung zollen wollen, bei all den Flüchtlingen, die beispielsweise zurück aufs Meer geschickt werden.
Sobald man in der Schlange vor einer Einwanderungsbehörde steht, unterscheidet man sich nicht mehr von irgendeinem Flüchtling.
Ich möchte nicht gehätschelt werden. Es fühlt sich für mich moralisch falsch an. Und sobald man in der Schlange vor einer Einwanderungsbehörde steht, unterscheidet man sich sowieso nicht mehr von irgendeinem Flüchtling.
In «Nation of Strangers» erzählen Sie Geschichten von Menschen, die wie Sie fern ihrer Heimat leben müssen. Es sind Menschen, die prekär leben. Für Sie sind es aber nicht Asylsuchende, sondern Fremde. Was verändert diese Bezeichnung?
Sie weckt Neugier. Und ich finde, Neugier ist eine Form von Liebe. Man schenkt jemandem seine Aufmerksamkeit. Wenn man sich also auf diese Neugier konzentrieren kann, statt auf Angst und Hass gegenüber Ausländerinnen und Ausländern, dann könnte sich vielleicht etwas verändern. Auch in der Politik, aber vor allem in unserer Moral.
Das Wort «Fremder», «Fremde» scheint aber ein bisschen aus der Mode gekommen.
Ja, aber ich möchte, dass die Menschen es sich wieder zu eigen und zu etwas Würdigem machen. Ausserdem wollte ich den Spiess umdrehen.
Fremde wissen, wie man überlebt.
Ihr nennt uns Ausländer, Aussenseiter? Dabei seid ihr doch auch fremd in Anbetracht der Grausamkeiten der Welt. Gerade in Zeiten wie diesen, mit ihren Kriegen, mit einem amerikanischen Präsidenten, der alle terrorisiert, mit unglaublich unmoralischen Dingen wie den Epstein-Akten. Ja, wir mögen Ausländer sein, aber wir sind alle Fremde.
Sie sagen, bald würden auch Menschen mit Pass heimatlos oder zumindest in die innere Emigration getrieben. Wir täten also gut daran, eine Nation der Fremden zu gründen. Kann das funktionieren?
Ich denke, dass selbst die Privilegiertesten unter uns in diesen Zeiten der vielschichtigen Krise bald erkennen werden, dass sie nichts ausser einander haben und dass nur unsere Worte, die uns zum Dialog befähigen, unzerstörbar sind. Eine Nation von Fremden ist in diesem Sinn meiner Meinung nach im Vergleich zu anderen Nationalstaaten ziemlich mächtig. Denn Fremde wissen, wie man überlebt.
Das Gespräch führte Franziska Hirsbrunner.