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Noëlle Revaz: Efina
Aus Kontext vom 25.09.2019.
abspielen. Laufzeit 12:40 Minuten.
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«Efina» von Noëlle Revaz Nähe, Kälte und eine «fette, feuchte Hand»

«Efina» in Noëlle Revaz' Roman heiratet einen Langweiler, kommt aber von einem narzisstischen Mann nicht los. Verstörend.

In Noëlle Revaz‘ Roman «Efina» gibt es keine Figur, mit der man sich identifizieren möchte. Efina und T schreiben einander Briefe, in denen sie sich eins ums andere Mal versichern, dass da keine Liebe sei. Dass sie nichts voneinander wollten.

Blick in die Abgründe

Efina ist zuerst 32 Jahre alt, später 47. Sie hat T einmal auf der Bühne gesehen. Er ist Schauspieler, ein alternder und schwieriger. Einer, der unter seinem verblassenden Ruhm leidet. Dann landen die beiden doch im Bett. Eine Zeitlang sind sie ein Paar.

Aus diesen beiden Perspektiven wird der Roman erzählt. Manchmal in Ich-Form, wenn sie einander Briefe schreiben. Manchmal in einer erlebten inneren Rede, die uns in Abgründe blicken lässt.

Noëlle Revaz

Noëlle Revaz

Mehr zu lesen und zu hören über Noëlle Revaz gibt's auf der SRF-Literaturplattform «Ansichten».

Süchtig nach dem Schein

T ist ein leicht karikierter Prototyp jener Männer, die mit #MeToo endlich zur Rechenschaft gezogen werden. Noëlle Revaz' Roman ist im französischen Original bereits 2009 erschienen. Im Rückblick wirkt das wie eine Beglaubigung der Debatte.

Der abgehalfterte Schauspieler ist ein Narzisst wie aus dem Bilderbuch – infantil und aufmerksamkeitssüchtig. Schauspieler ist er nicht nur auf der Bühne (allerdings immer seltener), sondern auch im richtigen Leben.

Rätselhafte Anziehungskraft

Efina steht ihm darin in nichts nach. Keiner von beiden äussert in diesem Roman je einen authentischen Satz. Beide sind ständig berechnend und manipulativ. Sie benutzen nicht nur einander, sondern auch die vielen anderen, die für ein paar Romanseiten ihren Weg kreuzen.

Silhouetten von einem Mann und einer Frau, die sich zu küssen gedenken.
Legende: Nähe und Kälte sind kein Widerspruch im Roman «Efina» von Noëlle Revaz. Getty Images / Cyril de Commarque

Gnadenlos entlarvt die Autorin ihre Figuren: «Efina hat zu viel Phantasie, und T traut sich nicht, es ihr zu sagen, er möchte, dass sie nicht denkt und simpel bleibt wie sein Hund.» Eine halbe Seite später heisst es: «Er erzählt Efina nichts. Er kauft ihr einen kleinen Hund.»

T wiederum ist «eine fette Kröte», kein bisschen attraktiv, sondern «schwer, kalt und gebeugt». Trotzdem übt er auf Efina (und nicht nur auf sie) eine rätselhafte, höchst ambivalente Anziehungskraft aus.

«Breite fette, feuchte Hand»

In den Sexszenen ist die sprachliche Kraft von Noëlle Revaz‘ Prosa – von Andreas Münzner beeindruckend übersetzt – geradezu körperlich spürbar: «Seine breite, fette, feuchte Hand liegt wie aufgehender Teig auf Efinas Gesicht.»

Die Autorin erspart ihren Figuren nichts, sie lässt sie und uns das Alter spüren, in jeder Hautfalte. So registriert T etwa Efinas dunkle Augenhöhlen: «die weichen Lappen, die ihren Augäpfeln als Matratze dienen».

Efina wiederum fühlt sich allen anderen Frauen an Weiblichkeit überlegen: «Efina hat alles, und es ist unvorstellbar, dass die Frauen, die sie auf der Strasse vorbeigehen sieht, auch genauso prall sind davon.»

Buchhinweis

Noëlle Revaz: «Efina». Wallstein, 2019.

Immer im Hintergrund

Ihre Liebhaber wechseln in atemberaubendem Tempo, einmal ist sie mit einem jungen Regisseur liiert (der, wie könnte es anders sein, eine Rolle mit T besetzt).

Dann ist sie verheiratet mit Raùl, von dem es heisst: «Er schaut geradeaus, und wenn die Sonne scheint, ist er zufrieden.» Und im Hintergrund immer T, sei es in Briefen oder in Person.

Die Nähe der Kälte

In diesem virtuos erzählten Roman geht es um die Liebe und das Altern, und es geht ums Theater, auch in der Form. Nähe und Kälte sind kein Widerspruch: Es ist, als sähen wir diesen Figuren auf einer Bühne zu, wir werden Zeuge ihrer niederträchtigen Triumphe und ihres krachenden Scheiterns.

Ts finaler Abgang etwa ist an Schäbigkeit nicht zu überbieten. Die eiskalte Erzählstimme der Autorin hält uns auf Distanz, trotz aller Dramatik, die über die 200 Seiten hinwegfegt.

Eine verstörende, lohnende Lektüre – ein Solitär in der Gegenwartsliteratur.

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