Ein hoch-schwiizerdeutscher Roman «wo eim das Herz abtruckt»

«Jakobs Ross» ist gespickt mit eingedeutschten Mundart-Ausdrücken. Die Zürcher Autorin Silvia Tschui schreibt vom «Goifer, wo im Maul zusammen geloffen ist» oder wie jemand im «Chrütergarten umen chräsmet». Die heimelige Sprache konterkariert die tragische Handlung.

Pferde vor einer nebligen Landschaft mit Bauernhöfen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Elsie wird mit Jakob verheiratet. Dem wird ein Pferd versprochen, das er nie bekommen wird. Keystone

Mit ihrem Debütroman «Jakobs Ross» erzählt Silvia Tschui eine traurige Geschichte, die vor 150 Jahren spietlt. Die junge Magd Elsie kann so schön singen, doch statt auf der Bühne steht sie nur im Stall: «Ja, wenn das Elsie das Lied vom Blüemlitaler Bauern, wo vor Heimweh in der Fremde verräblet, nur wieder einmal in einem Salong singen und fidlen könnte, anstatt in diesem Finsterseer Chuestall nur das Rösli und das Klärli mit je einer Hampflen Heu in der Schnörre als Publikum zu haben!». Es ist ein intensives Buch mit dramatischen und melancholischen Elementen.

Elsies Traum ist ausgeträumt

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Buchhinweis

Silvia Tschui: «Jakobs Ross». Nagel & Kimche, 2014.

1869: Elsie bohnert bei einem Textilfabrikanten die Böden. Bei der Arbeit singt die junge Magd so wunderschön, dass sogar die Vögel im Flug stoppen. Das fällt auch dem Herrn Direktor auf. Doch dieser ist nicht nur an ihrem Gesang interessiert. Elsie bekommt einen dicken Bauch und ihr ist schlecht. Um einen Skandal zu vermeiden, wird das Mädchen mit dem Rossknecht Jakob verheiratet. Dieser wird mit einer Pacht, zwei Kühen und vielleicht später noch einem Ross entschädigt.

Eigentlich wollte Elsie Sängerin werden, nun aber schuftet sie im Stall und auf dem Feld. Die geschenkte Pacht ist nur eine ärmliche Hütte. Und die beiden haben kaum genug, um zu überleben. Auch Jakobs Traum vom eigenen Ross erfüllt sich nicht. Eine alte Kräuterfrau hilft Elsie, das unerwünschte Kind loszuwerden. Das ist erst der Anfang einer tragischen Geschichte, in der es auch um Armut, Elend, Missbrauch und Totschlag geht.

Silvia Tschui Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Silvia Tschui Nagel & Kimche/Simone Pegel

Vorbild Gotthelf und Mutmacher Krohn

«Jakobs Ross», der Roman über die ländliche Schweiz vor 150 Jahren erinnert ein wenig an die Erzählungen von Jeremias Gotthelf. Vor allem «Die schwarze Spinne» habe sie «hinderschi und fürschi» gelesen, sagt Tschui.

Dann kommt einen natürlich auch der Glarner Schriftsteller Tim Krohn in den Sinn. Seine Romane «Quatemberkinder» und «Vrenelis Gärtli» waren wohl vor allem wegen der dialektalen Kunstsprache so erfolgreich. Tschui hat seine Bücher gelesen und es habe ihr Mut gemacht, auch so etwas zu probieren.

Ticke Bäuche und Herzen aus zerloffner Butter

Was Silvia Tschui versucht, das funktioniert. Man spürt beim Lesen ihre Sprachlust, die Unbeschwertheit und auch ihr Talent, Geschichten zu erzählen. Recherchiert habe sie nicht viel und Mundartwörterbücher habe sie keine gebraucht, gibt Tschui zu. Wörter wie «pfnuchzge», «verräble» oder «schüli» kenne sie noch von ihrem Grossvater.

Sie habe sich vorgestellt, wie das junge, relativ ungebildete Elsie ihre Geschichte auf Hochdeutsch erzählen würde, um ihr damit ein Gewicht zu geben. Wie wenn Kinder versuchen, Hochdeutsch zu sprechen. Dieser Erzählton habe am besten zur Geschichte gepasst.

Prügel, Vergewaltigung und Totschlag

Die Sprache ist schon fast niedlich und konterkariert die deftige Geschichte. «Elsie hat den ganzen ersten Winter lang nur Räbenmues kochen können und Graupen. Lümpen hat sie sich um die Holzzoggeln wicklen müessen, und dabei hat sie gebettelt um Schueh! Und derbei ständig dem Jakob lieb getan und so, als mache ihr das mit dem Daraufliggen überhaupt nichts aus.»

Es fliessen Tränen und Blut. Doch vieles liest man nur zwischen den Zeilen. Die zum Teil brutalen Szenen sind nie übertrieben und manchmal nur angedeutet. Manche Passagen wirken wie Traumsequenzen. Und gerade das Auslassen und die distanzierte, lakonische Erzählhaltung von Silvia Tschui machen die Geschichte stark.

Silvia Tschui, das Multitalent

Die 39-jährige Autorin ist Mutter eines kleinen Sohns und hat in ihrem Leben schon viel gemacht. Sie ist gelernte Grafikerin, hat auch ein paar Semester Germanistik studiert, ein Realseminar abgeschlossen und gleichzeitig hat Silvia Tschui auch immer als Journalistin gearbeitet.

Tschui sieht sich nicht als Schriftstellerin, sie habe jetzt einfach mal ein Buch geschrieben, sie sei auch keine Sängerin, obwohl sie bei Ihren Lesungen auch singt – sehr schön singt, nicht nur Volkslieder, sondern auch AC/DC. Ein eigenes Buch in den Händen zu halten, sei ein komisches Gefühl, sagt Silvia Tschui. Als der Verleger ihr ein Exemplar vorbei gebracht habe, habe sie anschliessend im Lift vor Freude getanzt.

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