Ein Leuchtturm im Hörspielmeer: David Zane Mairowitz

Sein Name ist aus der europäischen Hörspiellandschaft nicht mehr wegzudenken: Ob als Autor oder Regisseur – David Zane Mairowitz ist einer der ganz Grossen. Am 30. April feiert er seinen 70. Geburtstag. SRF feiert mit und sendet drei seiner Hörspiele.

Mann mit Hut und Brille Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bei vielen seiner Arbeiten schöpft er aus eigenen Erfahrungen und Erlebnissen: David Zane Mairowitz. David Zane Mairowitz

Ich habe David Mairowitz einmal bei einer Hörspielproduktion begleiten dürfen. Das war letztes Jahr im Winter in den Zürcher SRF-Studios während der Realisierung von «Category 5 – Wie ich Fats Domino aus dem Hurrikan Katrina rettete». Dabei habe ich einem über die Schulter gesehen, der sein Handwerk wirklich versteht.

Damit meine ich nicht nur im Umgang mit Schauspielern; ich meine das Können, schon vorher zu wissen, wie etwas klingt, ohne es jemals vernommen zu haben. Die Töne, Klänge, Sätze und Geräusche auf dem Papier zu einer Partitur niederzuschreiben, ohne ihr Zusammenspiel realiter gehört zu haben. Da ist der Komponist des Hörspiels am Werk.

Der Dirigent Mairowitz

Den Rest der Arbeit macht der Dirigent – und auch darin ist Mairowitz meisterlich. Etwas klingt nicht so wie erwartet? Hier ist das Wasserrauschen zu befremdlich, dort die Sprachaufnahme an der wichtigsten Stelle fehlerhaft oder es fehlt ein Satz, der nie aufgenommen wurde?

Nun denn: Es wird umgestellt, geschnitten, neu entworfen, dieses verstärkt, jenes zurückgefahren, kurzerhand: improvisiert. Und das alles unter Druck – während der knapp bemessenen und zumeist äusserst kostspieligen Zeit im Studio. Keine idealen Umstände für grosse Inspiration. Das kann also nur, wer zur Möglichkeit A immer auch eine Alternative B und eine Variante C kennt. Aus Erfahrung kennt.

Unterwegs in Zeit und Raum

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David Zane Mairowitz

David Zane Mairowitz (geb. am 30. April 1943 in New York), übersiedelte in den 1960ern nach England, wo er als Publizist, Schriftsteller und Theaterautor begann. Erste Hörspielauftragsarbeiten für BBC folgten. Fortan arbeitet Mairowitz als Autor und Regisseur für Hörspiele, Features, Radio-Opern etc. Heute lebt er in Avignon und Berlin.

Bewegt man sich durch die Welt der Mairowitzschen Hörspiele, ist man nicht nur an allen Plätzen der Welt, sondern reist auch durch das 20. Jahrhundert und befindet sich im Kreis historischer oder illustrer Personen: Da wird der letzten in Frankreich guillotinierten Frau der Prozess gemacht («Die Engelmacherin»), Mussolini taucht auf, Geige spielend und schmatzend («Ich war Il Duces Judenmädchen»), der egozentrische Schachweltmeister Bobby Fischer spielt um Leben und Verstand («Zugzwang»), Fats Domino fährt Ruderboot («Category 5 – Wie ich Fats Domino aus dem Hurrikan Katrina rettete») und Chruschtschow engagiert einen Privatdetektiv («Marlov – Rumänische Rhapsodie»)

Mairowitz hat keine Scheu, diesen historischen Personen mittels Schauspielern Stimme und damit Körper zu geben. Zumeist mischt er die Fiktion noch im selben Moment mit Originaltonaufnahmen der echten Menschen. Doch handelt es sich dann keinesfalls um «Docufiction», das detailgetreue Inszenieren von Realität. Denn bei aller realer Basis verschleiert Mairowitz doch nie, was seine Arbeiten vor allem sind: Märchen. Wovon handeln denn Märchen, wenn nicht von realen Dingen wie Angst, Liebe, Veränderung? Und – in ganz vielen Fällen: davon, dass einer eine Reise macht.

Ein «Roadmovie» der inneren Reise

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Auszeichnungen

David Zane Mairowitz' Hörspiele sind mehrfach international ausgezeichnet worden. Eine Auswahl:

1996 Prix Ostankino für «Planet aus Asche»

1997 Prix Italia für «Der wollüstige Tango»

2005 Prix Europa, den «Oscar des Hörspiels, für «Im Krokodilsumpf»

2012 Prix Europa für «Category 5 – Wie ich Fats Domino aus dem Hurrikan Katrina rettete»

Und gereist wird viel in Mairowitz‘ Hörspielen: Da reist einer zurück in die 60er Jahre und in die Jugend seines Vaters, wo er den Requisiten-Knochen sucht, der zu Beginn von Kubricks Kultfilm «Odyssee im Weltraum» gen Himmel geschleudert wird («Der Knochen»). Ein anderer fährt nach Afrika, nachdem ihm die E-Mail einer hilfebedürftigen, afrikanischen Witwe Geld verspricht («Im Krokodilsumpf»). Ein gealterter Berliner Rock’n’Roller reist trotz Herzprobleme nach New Orleans, als dort gerade der Weltuntergang geprobt wird («Category 5 – Wie ich Fats Domino aus dem Hurrikan Katrina rettete»). Und dann jagt noch einer wegen einem Kofferradio um die halbe Welt («Eulenaugen»).

Diese Abenteuerfahrten entpuppen sich schnell nicht nur als Reise hinaus in die grosse weite Welt, sondern sind zumeist Reisen in die eigene Vergangenheit, Reisen in die geheimen Winkel der Phantasie oder in die Welt der eigenen Gedanken, Ängste, Wünsche. Diese Mischung aus «Roadmovie» und innerer Auseinandersetzung sorgen für die richtige Gewichtung von Unterhaltung und Gehalt in den Hörspielen.

Das Wichtigste: eine gute Geschichte erzählen

Bei vielen seiner Arbeiten schöpft Mairowitz aus eigenen Erfahrungen und Erlebnissen. Oft findet oder vermutet man in seinen Hörspielen autobiographische Anklänge.

Zwei Männer in einem Hauseingang Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Fats Domino zusammen mit George W. Bush im Jahr 2005 vor seinem vom Hurricane betroffenen Verlagshaus in New Orleans. Reuters

So ist Dudeck in «Category 5» nicht nur irgendein erfundener Mittsechziger. «Dudeck» ist vielmehr der Kosename, mit dem Mairowitz' Frau ihren Gatten bedenkt. Oder die Geschichte seiner Eltern, Anhänger des Kommunismus in den USA zu Zeiten u.a. McCarthys, schimmert immer wieder durch den Stoff der fiktiven Geschichten hindurch.

Nichtsdestotrotz ist die Radioarbeit für Mairowitz keine «Aufarbeitung». Ihn interessiert eigentlich nur die gute Geschichte. Egal ob erlebt oder gehört oder gelesen. Ist diese Story dann noch besonders radiophon, sprich: kann man auf Geräusch- und musikalischer Ebene viele unterschiedliche und sinnliche Facetten herausholen, dann verwandelt er die Geschichte in ein Hörspiel. Das ist an sich schon abwechslungsreich. Hinzu kommen aber noch zwei Dinge, die Mairowitz auch mit 70 Jahren (oder wahrscheinlich gerade deswegen) noch geübt einzusetzen weiss: zum einen seinen grossen Sinn für Humor, zum anderen eine oft unverblümte, ungeschönte und dankbarerweise oft unverstellte Sprache.

«Die letzte Ameise in der Picknick-Schlange»

Mairowitz bewegt sich mit einer Gelenkigkeit und Dynamik in der deutschen Sprache, die seine amerikanische Herkunft zumeist vergessen lässt. Nur manchmal schleichen sich amerikanische Formulierungen und Sinnbilder ein – doch das sorgt für unterhaltsame wie anrührende Momente. Wer fühlt sich zum Beispiel nicht auch manchmal wie «die letzte Ameise in der Picknick-Schlange»?

Auf meine Frage, ob er das Hörspiel als Radioform, als sogenannte «lange» Form in unserer immer schnell- und kurzlebiger werdenden Medienlandschaft gefährdet sieht, winkt er ab. Darauf könne er mir nur eine Antwort geben: Diese Frage hätten ihm Journalisten in Interviews seit 25 Jahren immer wieder gestellt, das solle mir als Beruhigung genügen. Tuts auch – irgendwie.

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