Ein Problembär und ein Comic-Zeichner migrieren nach Deutschland

Ein Bär, der illegal aus Italien nach Bayern einwandert. Ein italienischer Comic-Autor, der sich in Norddeutschland niederlässt. Die Schatten der DDR und des italienischen Faschismus. All das verknüpft Stefano Ricci in seinem Comic «Die Geschichte des Bären» zu einer hypnotischen Erfahrung.

Zeichnung: Bäume, eine Person mit Gewehr springt von einem Ast Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In atmosphärischen Bildern zeichnet Stefano Ricci eine Durchmischung verschiedener Geschichten. Avant Verlag

2006 war das Jahr der grossen Bärenhatz: Der italienische Braunbär JJ1, besser bekannt als «Problembär» Bruno, wanderte illegal in Bayern ein, und wurde, weil er hin und wieder ein Tier riss, zur Gefahr für die Menschen erklärt und zum Abschuss freigegeben. Ungefähr zur selben Zeit zog der Künstler und Comic-Autor Stefano Ricci von Bologna nach Hamburg und später nach Vorpommern. Das Schicksal des migrierenden Bären ging dem Italiener Ricci nahe und inspirierte ihn zu «Die Geschichte des Bären».

Zeichung: Ein Mädchen geht auf Bahngeleisen Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ricci arbeitet mit Pastellkreide, Tusche und Acrylfarben. Avant Verlag

Gemälde statt Bildkästchen

«Die Geschichte des Bären», ein gewichtiges, quadratisches Hardcover-Buch, ist ein aussergewöhnlicher Comic. Ricci erzählt nicht mit kleinen Bildkästchen, sondern in breiten, doppelseitigen Bildern. Mit Pastellkreide, Tusche und Acrylfarben beschwört er in atmosphärischen Bildern zwischen Figuration und Abstraktion die raue Bergwelt des Apennins und die leeren Ebenen Vorpommerns; Gefühle und Stimmungen wie Einsamkeit, Verlust und Verlorenheit verschränken sich mit Liebe und Freundschaft; Reales, Fiktionales, Fantastisches und Surreales verschmilzt zu einem unwiderstehlichen Bildersog.

Mitläufer und Widerstandskämpfer

Die Geschichte? Eigentlich erzählt Ricci keine richtige Geschichte. Vielmehr verzahnt er mehrere Geschichten. Die Geschichte des verirrten Problembären, der hier nur angeschossen, vom Mädchen Anke gerettet und vom «Bärenflüsterer» Manfred gepflegt wird. Seine eigene Geschichte – wie er, der sich selber als Hasen zeichnet, als Rettungssanitäter von einem Einsatz zum nächsten rast und in der neuen Heimat Fuss zu fassen versucht.

Zeichnug: Ein Auto von innen, am Steuer sitzt ein Affe, auf der Rückbank ein Hase Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sich selbst zeichnet Ricci als Hasen. Avant Verlag

Das Persönliche verknüpft er wiederum mit dem Kollektiven: Dann und wann legen sich die Schatten der DDR-Vergangenheit über Riccis Vorpommern – wenn sich Manfred die Veränderungen seit der Wende vergegenwärtigt und eine gewisse Heimatlosigkeit im neuen Deutschland nicht leugnet. Immer wieder umkreist Ricci auch das Ende des italienischen Faschismus und offenbar ein Stück verdrängte Familiengeschichte: Wir irren mit seinem Grossvater, einem faschistischen Kämpfer, durch den Apennin und beobachten, wie er sich als Widerstandskämpfer neu erfindet und als Held gefeiert nach Bologna zurückkehrt.

Mächtiger Bilderfluss

Ricci erzählt in Andeutungen, offen und assoziativ. Der lakonische, an den Bildrand und in schwarze Sprechblasen gesetzte Text funktioniert weitgehend unabhängig von den Bildern. Er erlaubt viele Interpretationen – und überlässt es dem Leser, die vielen Lücken zu füllen und Verknüpfungen zu schaffen.

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Buchhinweis

Stefano Ricci: «Die Geschichte des Bären». Avant Verlag, 2014.

Deshalb sind nicht nur Riccis Protagonisten, sondern auch seine Leserinnen und Leser anfänglich desorientiert – erst wenn man in den gemächlichen Duktus von Riccis Bildsprache eingetaucht ist und sich von ihr überwältigen lässt, beginnt «Die Geschichte des Bären», auch wenn sie rätselhaft bleibt und sich nie ganz erschliesst, ihre ganze Subtilität und Vielschichtigkeit zu entfalten. Und dann wird die Lektüre zu einer gerade zu hypnotischen Erfahrung.

Sendung: Kultur Aktuell, SRF 2 Kultur, 2.2.2015, 8:10 Uhr.