Ein Roman erzählt vom Kinderheim des Grauens

In einem Wiener Heim für kranke, behinderte und schwererziehbare Kinder töteten Ärzte zwischen 1940 und 1945 fast 800 Kinder. Diese Gräueltaten packt der schwedische Autor Steve Sem-Sandberg in den Roman «Die Erwählten». Ein Mahnmal für die Opfer und ein Pläyoder gegen das Verdrängen.

Eine Kinderhand an einer Scheibe. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hinter den Toren des Heims wurden furchtbare Gräueltaten begangen. Steve Sem-Sandberg nimmt sie in seinem Roman auf. Getty Images

Gewiss: Steve Sem-Sandberg entwickelt in seinem Roman «Die Erwählten» einen ungeheuren Sog, wenn er die Geschichte des Zigeunerbuben Adrian Ziegler entwirft. Wir bekommen mit, wie er seinen Eltern – einem gewalttätigen Vater und einer psychisch labilen Mutter – entrissen und in das Heim «Am Spiegelgrund» gesteckt wird. Wir erfahren, wie er schmerzhaften Untersuchungen ausgesetzt ist, wie er dreimal ausreisst und wie sein Leben nach dieser Hölle bis ins hohe Alter weitergeht.

Aber: Die detaillierten Beschreibungen der Torturen, zum Beispiel das Einstechen der Nadel in die Wirbelsäule oder das Einpressen der Luft in die Gehirnkammern, gehen immer wieder an die Grenze des Erträglichen.

Kaschierte Quälerei

Viele Kinder überleben diese Torturen nicht, an denen Ärzte und Krankenschwestern beteiligt sind. Auch das schildert Steve Sem-Sandberg. Er legt zudem dar, wie die Ärzte diese medizinischen Versuche an und mit Kindern mit viel pseudowissenschaftlichem Getue kaschieren und die Beschlüsse des Berliner Reichsausschusses befolgen, wie sie besorgte Eltern abwimmeln, um ihnen dann mitzuteilen, dass ihr Kind gestorben sei.

Ein Foto eine Mannes. Es trägt einen Stempfel mit einem Hakenkreuz. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ihn gab es wirklich: Heinrich Gross war Abteilungsarzt im Pavillon 15, dem Tötungspavillon der Spiegelgrund-Klinik. Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, Wien

Gerichtspsychiater und Kindermörder

Adrian Ziegler, der das Kindertotenhaus in Wien überlebt, rutscht in die Kleinkriminalität ab, landet im Gefängnis und wird dort 1975 einem in Österreich anerkannten Gerichtspsychiater zur Begutachtung vorgeführt. In diesem Gerichtspsychiater Heinrich Gross erkennt Ziegler seinen einstigen Peiniger, den leitenden Arzt.

Während es dem Opfer nicht gelungen war, ein halbwegs normales Leben zu führen, hat der Täter und vielfache Kindermörder nach dem Krieg Karriere gemacht. Und dieser renommierte Gerichtspsychiater sagt: «Ich erinnere mich nicht. Ich erinnere mich überhaupt an nichts.» Schicksale prallen aufeinander. Täter können verdrängen, Opfer nicht.

Aus dem wirklichen Leben

Für diesen Roman hat der 1958 geborene Autor lange in Wien recherchiert. Der Stoff, aus dem er seinen Roman gebaut hat, ist authentisch und beruht auf Tatsachen, die unter anderem der österreichische Medizinhistoriker Matthias Dahl beschrieben hat. Dokumentarische Passagen, Arztprotokolle, Auszüge aus Gerichtsakten hat Steve Sem-Sandberg denn auch kursiv gesetzt.

Täter und Opfer zugleich

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Buchhinweis

Steve Sem-Sandberg: «Die Erwählten». Klett-Cotta, 2015.

Im Roman «Die Erwählten» ist Adrian Ziegler die eine Hauptfigur. Die andere – quasi sein Gegenpol – ist die Krankenschwester Anna Katschenka, die Täterin. Doch Steve Sem-Sandberg zeichnet sie nicht als das personifizierte Böse, sondern interessiert sich für die Komplexität ihrer Person.

Als ehemalige Sozialdemokratin hat es Katschenka schwer, während des Nationalsozialismus überhaupt eine Stelle zu finden. Sie braucht Geld, um ihre Familie zu versorgen, und sie ist ausgebildet, den Anweisungen der Ärzte blind zu folgen. Ein übertriebenes Pflichtbewusstsein macht Anna Katschenka zur Mittäterin. Eine durchaus beunruhigende Erkenntnis. Die Krankenschwester ist Täterin und zugleich Opfer.

Ein Mann mit Brille und kurzem geradem Haar. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sein Roman ist nüchtern und eindrücklich: Steve Sem-Sandberg. Marijan Murat, Stuttgart

Ein Plädoyer gegen das Vergessen und Verdrängen

Steve Sem-Sandbergs voluminöser Roman ist eine Mischung aus Faktischem und Erfundenem. Die Täter – Ärzte und Krankenschwestern – nennt er mit realem Namen, den Opfern hat er neue Namen gegeben. Im Nachwort erwähnt er aber einen realen Namen eines Opfers – nämlich Friedrich Zawrel, der 1975 dem Gerichtspsychiater Gross vorgeführt wurde.

Das sei ein einmaliges Ereignis, darum habe er Friedrich Zawrles Namen nennen wollen, quasi aus Dankbarkeit, erzählt Steve Sem-Sandberg. Er hat den Opfern nun eine Stimme gegeben. Sein sprachlich nüchterner aber eindrücklicher Roman liest sich als Mahnmal für die getöteten und gequälten Kinder und ist ein Plädoyer gegen das Vergessen und Verdrängen.

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