Eine Begegnung mit der Grande Dame der niederländischen Literatur

Die Niederlande sind in diesem Jahr Gastland an der Frankfurter Buchmesse. Die Niederländerin Margriet de Moor ist mehrfach ausgezeichnete Autorin und hinterlässt bei einer persönlichen Begegnung einen bleibenden Eindruck.

Blick von oben auf eine Frau, die ihren Ellbogen auf einem Klavier abstützt und direkt in die Kamera schaut. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mit dem Schreiben begann Margriet de Moor erst spät. Davor war sie Musikerin. Imago/Hollandse Hoogte

Im November wird sie 75, aber von Müdigkeit keine Spur. Margriet de Moor steht mit ihrem kleinen Köfferchen in der Hotel-Lobby, in der ich sie abhole. Auf dem Weg ins Radiostudio unterhalten wir uns über die aktuellen Geschehnisse in Europa. Der Amoklauf in Nizza ist nur wenige Tage her.

Bereits 2007 fragte die Autorin in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung, «ob wohl schon ein Schriftsteller an einem Roman mit dem Titel ‹2084› schreibe». Dabei interessierte sie vor allem die Frage, ob der «Islam, der im Begriff sei, sich fest und endgültig in unserer Mitte einzunisten, irgendwann wirklich heimisch sein werde, integriert, im säkularen, aufgeklärten, demokratischen, wohlhabenden Europa».

Dystopischer Roman erstaunt nicht

De Moor erinnert sich. Sie hege weiterhin diese Hoffnung, sagt sie. Trotz der beunruhigenden aktuellen Lage. Als ich sage, dass der algerische Friedenspreisträger Boualem Sansal vor kurzem ein Buch mit genau diesem Titel («2084. Das Ende der Welt») publiziert hat, ist sie überrascht. Davon wisse sie gar nichts.

Allerdings ist der Inhalt des Romans quasi das Gegenteil von dem, was Margriet de Moor vor einem Jahrzehnt vorschwebte: Es ist eine Dystopie zur Herrschaft des Islams in Europa. Das wiederum erstaune sie nun nicht, kommentiert sie.

«Der Roman ist wie eine Symphonie»

Margriet de Moor stammt aus einem katholischen Elternhaus, hat neun Geschwister und ist noch während des Zweiten Weltkrieges geboren. Sie ist eine Autorin besonderen Ranges. Nicht nur, weil sie erst mit Mitte 40 mit dem Schreiben begann und bereits mit ihrem ersten Roman «Erst weiß, dann grau, dann blau» (1995) für grosse Aufmerksamkeit sorgte.

Bevor sie eine mehrfach ausgezeichnete Bestsellerautorin war, gehörte ihr Leben der Musik – was man in all ihren Werken spürt. «Der Roman ist wie eine Symphonie, die Erzählung wie eine Klaviersonate, die Novelle wie eine Kammermusik», sagte sie kürzlich bei einer Lesung in Zürich.

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Buchhinweis

Margriet de Moor: «Schlaflose Nacht», Hanser Verlag 2016.

Eine kurze Ehe endet abrupt

Ihr aktuelles Buch ist die Novelle «Schlaflose Nacht». Es wurde 1994 erstmals auf Deutsch publiziert und nun neu übersetzt von Helga von Beuningen. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die während einer schlaflosen Nacht auf eine kurze, aber heftige und lebensbestimmende Episode ihres Lebens zurückblickt, die mehr als ein Jahrzehnt zurückliegt.

Die Ich-Erzählerin lernt in jungen Jahren, sie ist Mitte 20, einen Mann kennen: Ton, Student und aktiv in der Studentenbewegung. Die beiden werden ein Paar, heiraten – aber nach einem guten Jahr Ehe nimmt sich Ton im September 1971 das Leben, indem er sich eine Kugel in den Kopf schiesst. Auslöser unbekannt.

Nicht okay, sondern intensiv und poetisch

«Schlaflose Nacht» ist ein Buch über den Abschied von einem geliebten Menschen und zugleich eine Liebesgeschichte. Also gewissermassen eine Geschichte über den Anfang und das Ende des Lebens zugleich. Es geht um Liebe, Tod, Verlust – um die ganz grossen Begriffe im Leben –, ohne sentimental zu sein.

«Ja, ich finde es immer noch okay», sagt Margriet de Moor über ihr Buch, selber auch ganz unsentimental und unaufgeregt. Da kann ich widersprechen: Das Buch ist mehr als okay. Es ist ein zarter, schwebender Text, poetisch trotz traurigem Hintergrund, mit leiser Ironie und Witz und von grosser Intensität.

Margriet de Moor selber ist ebenfalls weit mehr als okay. Sie ist eine Grande Dame, selbstbewusst und bestimmt, aber dabei so zart und feinfühlig wie ihre Bücher.

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