Eine Familie auf der Flucht durch China

Der deutsche Erfolgsautor Jan-Philipp Sendker erzählt in seinem neuen Roman «Am anderen Ende der Nacht», wie eine kleine Familie auf der Flucht vor den Behörden durch China reist. Authentische Schilderungen und berührende Porträts zeichnen das Buch aus.

Ein Sandsturm trübt die Sicht auf Peking. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Getrübte Sicht auf Peking: Sendkers Roman versucht, dem oftmals unklaren Bild des Westens von China entgegenzuwirken. Reuters

Alles beginnt mit einer dramatischen Situation: ein vierjähriger Junge, David, wird aus einer Hotellobby entführt. Aus schier unvorstellbaren Gründen: der Sohn eines ranghohen chinesischen Politikers will ihn seiner Freundin zum Geschenk machen, weil er ihr bei einer zufälligen Begegnung im Zoo so gefallen hat.

Authentische Begegnungen

Dank glücklicher Umstände findet David bald zu seinen Eltern, Paul und Christine, zurück – aber die drei stehen trotzdem vor fast unüberwindbaren Schwierigkeiten. Sie haben es gewagt, sich den Mächtigen im Land zu widersetzen, stecken in dieser Situation fest und müssen gleichzeitig möglichst schnell das Land verlassen oder Zuflucht in einer Botschaft finden. Das bedeutet: Flucht quer durch das riesige Land.

Auf ihrer Flucht begegnen Paul, Christine und David den unterschiedlichsten Menschen. Von einem tiefreligiösen Paar, über einen verarmten, vom Leben gezeichneten Bauern bis zu einer wohlhabenden Frau, die in einer Geisterstadt lebt.

Diese Begegnungen beschreibt Jan-Philipp Sendker authentisch, liebevoll und zutiefst menschlich. Man spürt: der Autor schreibt aufgrund eigener, persönlichen Begegnungen.

China – ein gespaltenes Land

Sendker war lange Zeit als Journalist Asien-Korrespondent und bereist China seit über 20 Jahren. Dabei hat er das Land von zwei Seiten kennengelernt: einerseits schimmernde, glamouröse Fassaden, andererseits bittere Armut. Weltmännisches Auftreten genauso wie innere Unsicherheit. Oder enge Freundschaften und dann wieder absolute Willkür.

Und stetes Gehetztsein. In all seinen Gesprächen, sagt Jan-Philipp Sendker, habe er keinen einzigen Chinesen getroffen, der wirklich in seiner Heimat bleiben wollte. Tiefes Misstrauen präge das Zusammenleben.

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Buchhinweis:

Jan-Philipp Sendker: Am anderen Ende der Nacht. Blessing, 2016.

Universelle Themen sprechen jeden Leser an

Dieses Misstrauen zieht sich auch durch den ganzen Roman und lässt so den Leser oder die Leserin an der Atmosphäre in China teilhaben. Gleichzeitig ist «Am anderen Ende der Nacht» aber auch ein Roman, der Grenzen überwindet.

Es werden Themen angesprochen, die alle Menschen beschäftigen: Welche Auswirkungen hat es, wenn man auf Hilfe von unbekannten Menschen angewiesen ist? Was geschieht mit einer Beziehung, mit einer Familie, wenn man sich ständig bedroht fühlt und nie zur Ruhe kommt? Wie geht man mit ständigem Druck um?

Oder – aus der umgekehrten Perspektive: Wann ist man bereit, zu helfen? Für fremde Menschen vielleicht sogar die eigene Sicherheit oder das eigene Leben aufs Spiel zu setzen?

Unterhaltung und Tiefgang

Jan-Philipp Sendker hat ein berührendes Buch geschrieben, das viele Leseansprüche erfüllt: ob man eine spannende Geschichte lesen will, ob man mehr über ein zu weiten Teilen immer noch unbekanntes Land erfahren will, oder ob man sich über Grundsätzliches im eigenen Leben klar werden will – «Am anderen Ende der Nacht» ist die richtige Wahl.

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