Eine Graphic Novel zeigt eine abstruse Vision des Jenseits

In der Graphic Novel «Hotel Hades» landen drei Menschen unverhofft im Totenreich und schlagen sich mit bürokratischem Irrsinn, beliebigen Urteilen und dem Vergessen herum. Auf der Basis antiker und christlicher Mythologien entwirft Katharina Greve eine aktuelle und abstruse Vision des Jenseits.

Es ist ein Grundbedürfnis des Menschen, sich das Jenseits auszumalen. Seit Urzeiten wird Totenreich um Totenreich entworfen. Die meisten haben eines gemeinsam: Sie haben unterschiedliche Bereiche der Strafe und der Belohnung. Die deutsche Comic-Autorin Katharina Greve macht sich die diesseitigen Jenseitsvorstellungen für eine Satire des Lebens nach dem Tod zunutze.

Drei Menschen werden an einem Imbissstand erschossen. Dabei handelt es sich um eine Verwechslung. Das ist natürlich ärgerlich, ändert aber nichts daran, dass sich die notorisch schlecht gelaunte Schriftstellerin Martha Korn, ihr junger Liebhaber Florian Brinkmann und der Imbissbudenbesitzer Peter Fischer auf den Weg ins Totenreich, den Hades, machen und sich mit Einreiseformularen, einem schweigsamen Fährmann, arroganten und ignoranten Beamten herumschlagen müssen.

Päpstlicher Rücktritt vorweggenommen

Der Papst als Zeichnung. Er gewinnt einen Sechser im Lotto und will kündigen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der wahre Kündigungsgrund... Katharina Greve

Katharina Greve gehört zu den interessantesten Stimmen der gegenwärtigen Comicszene Deutschlands. Als Cartoonistin und Karikaturistin sorgt sie auch für die Satirezeitschrift «Titanic», den «Tagesspiegel», die «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» und andere für Aufsehen. Ihre berühmteste Witzzeichnung: Am 10. Februar 2012 kündigte sie den Rücktritt des Papstes an, der genau ein Jahr später, am 11. Februar 2013, vollzogen wurde. Benedikt XVI. verschwieg allerdings den wahren Kündigungsgrund – ein Sechser im Lotto.

In Greves vorherigem Buch «Patchwork. Frau Doktor Waldbeck näht sich eine Familie» erfüllte sich eine Transplantationschirurgin den Traum eines spiessigen Familienlebens mit ein paar selber genähten, durchaus ungewöhnlich anmutenden Kindern. Doch hat sie die Rechnung ohne die Gesellschaft (und die Boulevardmedien) gemacht, die «Frau Frankenstein» und ihre «Freak-Familie» verfolgen. Virtuos nähte Greve Versatzstücke unterschiedlichster Genres – Wissenschaftsthriller, Science Fiction, Liebesromanze, Agentenstory, Teenagerschmonzette – zu einer irrwitzigen und bitterbösen Geschichte zusammen und flocht nebenbei auch Themen wie Medienschelte, Waffenhandel, Armut, Multikulturalität, Sozialkritik und rassistischer Terrorismus ein.

Odin, Gott und Quetzalcoatl

Nicht weniger stupend ist «Hotel Hades»: Katharina Greve legt einen verzwickt konstruierten, höchst klugen und immer amüsanten Comic vor, der den antiken Hades vermischt mit Überzeugungen aus anderen Kulturen und Religionen. Greves unterkühlt stilisierte Zeichnungen und die dezente Kolorierung schärfen den fiesen Witz zusätzlich.

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Buchhinweis

Buchhinweis

Katharina Greve: «Hotel Hades», Egmont Graphic Novels, 2014.

Wo die meisten Religionen das Jenseits als einen Ort der Gerechtigkeit schildern, herrschen bei Greve Chaos und Willkür. Florian entwendet Martha das goldene VIP-Ticket für einen «all-inclusive Aufenthalt im Elysion», das diese Jahre zuvor einem zwielichtigen Typen abgekauft hat, und gibt sich an der Seite von Berühmtheiten wie Elvis, Mutter Theresa und Ghandi allerlei Lustbarkeiten und Albernheiten hin. Martha hingegen darbt an der Seite von Sisyphos und Adolf Hitler im Tartaros und muss ihre Bücher Seite um Seite ausradieren. Und Peter Fischer? Er wird Pommes-Fritteur in der Elysiumsküche, entdeckt Florians Betrug und nimmt sich vor, Martha zu erlösen.

So einfach ist das nicht. Denn im Jenseits ist Gerechtigkeit ein Fremdwort. Vor lauter Toten hat's kaum mehr Platz. Die Begegnung mit toten Bekannten ist ernüchternd, weil diese sich an nichts erinnern. Vergessene Gottheiten wie Odin, Osiris und Quetzalcoatl grämen sich über ihren Bedeutungsverlust. Und die Heilsversprechen der Religionen? In einem Telefongespräch mit Gott beklagt sich Hades, wie anstrengend seine Kunden nach ihrem bösen Erwachen seien, wenn sie weder Auferstehung, Nirwana, geschweige denn 72 willige Jungfrauen vorfänden. Gott ist das egal, solange sein Fernseh-Empfang gut ist.