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Buchbesprechung: Peter Stamm «Wenn es dunkel wird»
Aus Kultur-Aktualität vom 23.09.2020.
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Erzählband von Peter Stamm Peter Stamm schaut in die Dunkelheit

In seinem neuen Erzählband «Wenn es dunkel wird» widmet sich Peter Stamm dem Abgründigen. Das ist gewohnt bemerkenswert.

Von diesem Autor werde noch zu hören sein, sagte Marcel Reich-Ranicki einst über den jungen Peter Stamm. Dieser legte gerade seinen ersten Erzählband mit dem Titel «Blitzeis» vor, der prompt im Literarischen Quartett besprochen wurde. Der Band sei etwas vom Besten, was man in jenem Jahr lesen konnte, so der Kritiker-Papst.

1999 war das. Tatsächlich hat man noch viel gehört von Peter Stamm. Vor allem in Deutschland hat sich der Schweizer mit seinen Romanen und Erzählbänden einen Namen gemacht.

Gewinner des Schweizer Buchpreises

Aber auch in der Schweiz ist er nicht zuletzt durch den Gewinn des Schweizer Buchpreises für den Roman «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt» im Jahr 2018 eine feste Grösse im Literaturbetrieb.

Jetzt also wieder ein Erzählband. Der vierte bisher, zählt man den Sammelband von 2014 dazu.

Nie einfach, nur um einfach zu sein

Einmal mehr überzeugt Peter Stamm in erster Linie sprachlich: In einfachen, klaren, kurzen Sätzen – wie man das von ihm gewohnt ist – bringt er die Geschichten auf den Punkt. Mit wenigen Strichen zeichnet er seine Figuren. Mit bestechender Konsequenz verfolgt er seine Dramaturgie.

Buchhinweis

Peter Stamm: «Wenn es dunkel wird. Erzählungen». S. Fischer, 2020.

Dabei ist er nie platt. Nie einfach, einfach nur um einfach zu sein. Hinter den klaren Sätzen und Gedanken steckt viel Reduktion und Arbeit. So viel Arbeit, dass man sie am Schluss nicht mehr bemerkt. Wie bei allem, was gut ist.

«Auf dem Weg zur Arbeit geschieht etwas Lustiges. Eine junge Frau, die auf dem Handy herumtippt, setzt sich fast auf meinen Schoss. Erst als sie mich berührt, bemerkt sie, dass der Platz schon besetzt ist, und fährt erschrocken hoch. Früher hätte ich vielleicht gesagt, setzen Sie sich nur, aber heute muss man aufpassen mit solchen Sprüchen. Stattdessen entschuldige ich mich, als sei ich es gewesen, der nicht aufgepasst hat.»

Geheimnissen auf der Spur

Stamm gelingt es, mit kurzen Episoden einen Reizpunkt zu setzen. Ein Geheimnis anzudeuten, das es zu ergründen gibt. Wie bei dem Mann auf dem Weg zur Arbeit, der plötzlich von seiner Mitreisenden nicht mehr wahrgenommen wird. Und es ist die Fähigkeit, mit einem einzigen Wort eine Situation zu ändern.

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Aus dem Archiv: Peter Stamm - Lebe ich oder werde ich gelebt?
Aus Sternstunde Philosophie vom 18.03.2018.
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Elf Geschichten vereint dieser Erzählband. Sie berichten vom Unheimlichen, vom Jenseitigen, vom Sterben. Menschen stehen am Abgrund und wissen es oft gar nicht. Sie lassen sich fallen – oder fallen, weil es nicht anders geht, und kommen dann irgendwo an. Oder gehen verloren.

Schwerelosigkeit und Fall

Wie die Frau, die splitternackt auf einem Apéro erscheint, einfach um dem Mann ihrer Träume «Hallo» zu sagen. Oder der ältere Mann, der nicht mehr wahrgenommen wird und nicht weiss, was das zu bedeuten hat. Wir Lesenden können es zumindest vermuten:

«Der Mond ist voll und scheint tatsächlich heller als sonst und wirkt ganz nah. Es ist, als werde ich von ihm angezogen. Auch die Sterne sind so hell, dass sie zu flackern scheinen. Ich steige ganz langsam in die Höhe, sehe unser Haus kleiner werden, sehe unsere Strasse, dann die Hauptstrasse, auf der jetzt kaum noch Verkehr ist, das Viertel, den ganzen Ort. Das Licht des Mondes ist sehr hell, die Landschaft ist deutlich zu erkennen. Ich steige. Der See, die Hügel, in der Ferne die schneebedeckten Berge. Bald werde ich das Mittelmeer sehen, dann Afrika, den Atlantik, Amerika. Ich steige.»

Ja, Peter Stamms Erzählungen gehören immer noch zum Bemerkenswertesten, was man lesen kann. Bleibt zu hoffen, dass wir von dem Autor noch hören werden, wie Reich-Ranicki einst sagte.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 23.09.2020, 17:10 Uhr

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