Eigentlich hiess er Peter Bieri. Wesentlich bekannter aber ist das Pseudonym, unter dem er seine Bestseller schrieb: Pascal Mercier. 2023 ist Peter Bieri – oder eben Pascal Mercier – gestorben. Jetzt gibt es aber doch noch etwas Neues von ihm zu lesen. Aus seinem Nachlass ist gerade ein Erzählband mit Kurzgeschichten von ihm erschienen. «Der Fluss der Zeit» heisst er. Er ist schmal. Nur gut 100 Seiten. Fünf kurze Geschichten.
Fünf kurze Storys
Die eindrücklichste Geschichte heisst «Die Übergabe». Sie handelt von einem alten Mann, der sein Haus räumen und ins Pflegeheim ziehen muss. Nur widerwillig verkauft er das Haus, in dem er Jahrzehnte seines Lebens verbracht hat.
Am Tag der Übergabe wird den neuen Besitzern, einem jüngeren Paar, der Schmerz bewusst, den dieser Schritt für den alten Mann bedeutet. Eigentlich hatte er sich längst verabschiedet und das Haus verlassen, doch er kehrt immer wieder zurück. Mal kommt er, um die Heizung zu erklären. Mal will er zeigen, wo sich der Weihnachtsschmuck am besten anbringen lässt. Ihm fallen stets neue Gründe ein, sein Haus abermals zu betreten. Schliesslich steckt er sogar einen seiner früheren Schlüssel ein. Er kann nicht loslassen.
Beim Lesen spürt man das Leid dieses Mannes. Gleichzeitig fühlt man aber auch mit den neuen Hausbesitzern mit, die anfangs geduldig, später aber zunehmend genervt davon sind, an ihrem Neuanfang gehindert zu werden.
Zu stark auserzählt
Pascal Merciers Bestseller-Romane wie «Nachtzug nach Lissabon» oder «Das Gewicht der Worte» sind dicke Schmöker. Ist Mercier nun auch ein «Meister der kurzen Form»?» Als einen solchen preist ihn der Verlag mit der Werbung für diesen Erzählband nämlich an.
Nun, «meisterhaft» sind die Erzählungen nicht. Dafür sind sie zu stark auserzählt. Mercier nimmt die Lesenden zu fest an die Hand, lässt zu wenig Raum fürs eigene Denken. Sämtliche Gefühle werden benannt und gegeneinander abgewogen.
Hauptberuflich hat Pascal Mercier, oder eben Peter Bieri, als Philosophie-Professor gearbeitet. Sein theoretisches Denken drängt sich in manchen Geschichten etwas arg in den Vordergrund. Und so fehlt der Platz für Leerstellen, von denen gute Literatur aber lebt. Zudem wirken die Dialoge mitunter unnatürlich und überladen.
Was Mercier aber auch in der kurzen Form bestens gelingt, ist die Figurenzeichnung. Viele seiner Charaktere sind ältere Menschen. Er schafft Protagonisten, die man schnell vor sich sieht – und dann auch nicht mehr vergisst, weil man sie in entscheidenden Episoden ihres Lebens begleitet hat.
Unvergessliche Figuren
Derart einprägsam ist etwa der Professor aus der Erzählung «Noch einmal die Mansarde»: Am Ende seiner Karriere stehend, kehrt er «noch einmal» in das Mansardenzimmer zurück, in dem er seine Studienzeit verbracht hat. Er mietet sich für eine Übernachtung ein. Dort sinniert er über sein Leben, merkt, dass ihm das Erinnern schwerfällt, und gerät darüber in Panik.
Über allen Kurzgeschichten in «Der Fluss der Zeit» schwebt Melancholie. Das ist die Grundstimmung dieses Erzählbands. Eine Melancholie der späten Lebensjahre, gepaart mit einer leisen Verzweiflung darüber, dass sich auch am Ende kein Sinn des Lebens festmachen lässt. Posthum schenkt uns Mercier hier fünf philosophische Miniaturen. Nicht meisterhaft, aber sehr atmosphärisch sind sie allemal.