Streit um sechs Worte Eugen Gomringer äussert sich zu den Sexismus-Vorwürfen

Im Feuilleton tobt eine Debatte über das Gedicht «Avenidas» (1951) von Eugen Gomringer an der Fassade einer Berliner Hochschule. Studierende halten es für sexistisch. Nun äussert sich Eugen Gomringer zum ersten Mal.

Fassade der Alice-Salomon-Hochschule Berlin. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Stein des Anstosses: Das Geedicht an der Fassade einer Berliner Hochschule. Alice-Solomon-Hochschule Berlin

SRF: Was halten Sie von der Kritik der Berliner Studierenden, die sagen, Ihr Gedicht repräsentiere eine klassische patriarchale Kunsttradition?

Eugen Gomringer im Gespräch mit David Vogel

3:59 min, aus Kultur kompakt vom 08.09.2017

Eugen Gomringer: Man kann über dieses Thema sprechen. Nur sollte es nicht mit kompletter Ignoranz geschehen. Die guten Leute, die mein Gedicht angreifen, wissen gar nicht, was sie da eigentlich entzünden.

Ich bin ja nicht allein «der Gomringer» und nicht allein «Avenidas». Das Gedicht, um das es geht, ist eines der bedeutendsten Gedichte der modernen Lyrik. Diese Tatsache kann man nicht einfach zur Seite schieben oder kaputtreden – das hat keinen Sinn.

Die Debatte: Freie Kunst oder Sexismus?

Ein Gedichts steht seit 2011 an der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule: Die deutsche Übersetzung des spanischen Gedichts «Avenidas» von Eugen Gomringer. Gomringer hat das Gedicht 1951 geschrieben.
Das Gedicht stört einige Studierende, weil es sexistisch sei. Sie stören sich am männlichen Blick auf die Frau als Muse: Durch die Verknüpfung von Frau, Blume und Strasse erscheine als diese sexualisiertes Objekt.
Der Studentenausschuss hat deshalb die Entfernung des Gedichts verlangt.(Offener Brief des ASta)
Der Senat der Hochschule hat zugestimmt. (Artikel in der «FAZ»)
Seither wird im Feuilleton über Gedichtinterpretation gestritten. (Zusammenfassung des «Tagesanzeiger»)
Mehrere Autoren und das deutsche PEN-Zentrum forderten den Erhalt des Gedichts.
Auch Nora Gomringer, die Tochter von Eugen Gomringer, hat sich in einem Facebook-Video zu den Vorwürfen geäussert.

Die Studierenden kritisieren eine Haltung, die vielleicht damals anders wahrgenommen wurde als heute. Sie interpretieren eine Art von Macho-Haltung in Ihrem Gedicht. Können Sie das nachvollziehen?

Nein, das kann ich gar nicht nachvollziehen. Aber natürlich: Ich war damals ein Offizier, ich wurde im Tessin ausgebildet zum Grenadier. Zum Zeitpunkt als ich das Gedicht schrieb, 1951, war ich also ein richtig kräftiger, junger Schweizer.

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Zur Person

Zur Person

Keystone

Eugen Gomringer (geb. 1925) ist ein bolivianisch-schweizerischer Schriftsteller. Er begründete die Konkrete Poesie. Diese versucht nicht primär Inhalt oder Atmosphäre sinnhaft wiederzugeben, sondern nutzt Klang und Visualität von Worten und Buchstaben als literarisches Mittel. Eugen ist der Vater von Nora Gomringer.

Ob das nun bereits Machotum ist oder nicht, das weiss ich nicht. In meiner nächsten Umgebung war ich kein Macho – das wird mir häufig bestätigt.

Können Sie sich daran erinnern, was Sie aussagen wollten, als sie das Gedicht 1951 geschrieben haben?

Ich wollte ungefähr das ausdrücken, was mir heute auch in Czernowitz passiert ist (der Autor hält sich gerade für ein Literaturfestival in der Ukraine auf, Anm. d. R.). Ich bin heute spazieren gegangen, in dieser sehr schönen Stadt. Und was habe ich gesehen?
Eine wunderbare Allee, mit sehr vielen Blumen und sehr schönen Frauen. Da habe ich gedacht: Das ist nun eine ähnliche Situation wie damals – und diese wiederholt sich immer und immer wieder. Gott sei Dank!

Die Berliner Hochschule denkt darüber nach, die Fassade neu zu gestalten. Was wollen Sie tun?

Es ist inzwischen so viel geschehen. Gegen 30 Schriftsteller haben sich zu Wort gemeldet, auch bolivianische. Ich kann diesen Freunden gegenüber nicht sagen: «Halt, ich gebe nach.» Ich neige im Moment also nicht dazu, nachzugeben. Sondern sage: Lasst es doch bitte einfach geschehen.

Sind Sie bereit zu Gesprächen, zu einem Kompromiss?

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Das Gedicht

Alleen
Alleen und Blumen
Blumen
Blumen und Frauen
Alleen
Alleen und Frauen
Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer
avenidas
avenidas y flores
flores
flores y mujeres
avenidas
avenidas y mujeres
avenidas y flores y un admirador

Für einen Dialog hat sich noch niemand an mich gewendet. Ich habe lediglich einen Brief bekommen vom Rektor der Alice-Salomon-Hochschule, dass man «Avenidas» verändern oder entfernen möchte.

Sind Sie gegen eine Entfernung des Gedichts?

Ja, ich bin gegen eine Entfernung.

Was halten Sie grundsätzlich von dieser Diskussion über die Lyrik?

Sie ist deshalb wichtig, weil mein Gedicht auch ein klassisches konkretes Gedicht ist. Die konkrete Poesie ist sehr wertvoll in diesen Tagen, wo man den Wörtern nicht mehr richtig glaubt.

Die Sprache ist heute grössenteils unglaubwürdiger geworden. Da braucht es eine Sprache, die vielleicht aus wenigen Wörtern besteht – und mit diesen wenigen Wörtern dasteht.

Das Gespräch führte David Vogel.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 8.9.17, 17:08 Uhr